Schlagwort "Materialmangel". Warum?

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Schlagwort "Materialmangel". Warum?

Beitragvon doozer » Freitag 12. Februar 2016, 19:06

Immer wieder lese ich auch hier von einem Materialmangel der bei den Baumaßnahmen vorgeherrscht haben soll.
Das mag zwar einerseits logisch erscheinen; die Bilder sprechen in meinen Augen jedoch eine andere Sprache!
Fast egal durch welchen Thread ich mich hier bezüglich Baustelle im Jonastal gelesen habe, überall sind Bilder zu sehen auf denen man gut erkennen kann dass der Materialmangel nicht so groß gewesen sein kann.
Ich sehe stapelweise Schienen die noch nicht verlegt sind. Rohre zu Hauf. Sogar verzinkte Rohrbögen für Be- oder Entlüftungen ( wer verdammt noch mal hat sich denn das geleistet?). Dann stehen da 105 Loren, von denen lt. Forenmitglied Augustiner mehr als die Hälfte über Monate nicht bewegt wurden. Ach ja - Kalk war wohl auch im Überfluss vorhanden. Das ganze Tal ist von Strom- und Fernmeldepfosten geradezu übersät. Auch lese ich dass es an Strom wohl keinen Mangel gab.


In diesem Zusammenhang noch ein Link, auf der die Arbeiten zur Anlage Weingut I, hier in meiner Nähe zu sehen sind .
Vielen von euch werde sie bekannt sein.
Der Bewehrungsstahl auf dem Bild auf welches der Link zeigt ist annähernd armdick! Und ragt dabei - wie man an den Arbeitern gut sehen kann - gut fünf Meter in die Höhe. Stelle ich mir einen Zug mit fünfzig Waggons vor der diesen Bewehrungsstahl anliefert, dann darf der aber mehrmals fahren. Vom benötigten Zement ganz zu schweigen - da brauch ich die fünfzig Waggons schon für ein Segment.
Wer es nicht kennt - klickt euch mal durch: http://www.kz-gedenk-mdf.de/bilder-rüstungsbunker-früher#326
Mit diesem Bauvorhaben wurde im November 1944 begonnen. Auch hier kann ich an Materialmangel nichts erkennen.
Im Gegenteil - es ging sogar eine Beschwerde von der Bauleitung an die Führung des KZ-Lagers wegen "frühzeitigem Arbeitsschluss" der Zwangsarbeiter! http://www.kz-gedenk-mdf.de/beschwerde


In Bezug auf das Jonastal ist mir allerdings die Anzahl der dort hin verbrachten Zwangsarbeiter immer wieder schleierhaft!
Wie auch in verschiedenen Threads schon oft gefragt wurde - wofür so viele????
Wenn ich wieder das von mir verlinkte BV Weingut I anschaue und sehe was 4000 Zwangsarbeiter dort innerhalb von sechs Monaten errichtet haben, dann frage ich mich gleich doppelt warum bei der irrsinnig hohen Zahl an Zwangsarbeitern im Jonastal da überhaupt unverbautes Material herumliegt!

Also:
Ich kann beim besten Willen keinen Materialmangel erkennen. An was fehlte es denn? Klärt mich bitte auf!


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Re: Schlagwort "Materialmangel". Warum?

Beitragvon Augustiner » Samstag 13. Februar 2016, 18:50

Naja, ich würde das ganz gerne mal mit der Planwirtschaft vergleichen; es sind zwar massenhaft Schaufeln und Pickel vorhanden, aber kaum ein Bagger oder anderes schweres Gerät.
Wir sprechen von einem Zeitraum von Anfang November bis Ende März - also gerade mal 5 Monate (von Null angefangen) im Winter bei tlwse. starkem Frost. Erst im Februar setzte Tauwetter ein.

In dieser Zeit wurden in Frosttiefe kilometerweit Gräben für die Wasserversorgung angelegt (Schönbrunn bis ins Tal, tlwse. doppelt als Ringleitung; dies gilt auch für die MUNA vom Ohrdrufer Wasserturm aus). Im Tal selber Gräben für Abwasser bei sehr ungünstigen Bodenverhältnissen. Wie viele Meter pro Tag hat da wohl ein Arbeiter geschafft ?
Dann gibt es kilometerweise Feldbahn- und Kleinbahnverlegung, Brücken- und Wegebau, Stromversorgung etc.
Die Erweiterung der Reichsbahngleise in Normalspur bei Crawinkel, an der MUNA und in Ohrdruf bis Schloss des Dr. Mühlberg nicht zu vergessen - dabei waren Normen der Reichsbahn zu erfüllen.

Die Lager mussten gebaut oder erweitert werden, bei einer bekannten Stollenlänge von rund 3 km war fast ein Drittel bereits ausbetoniert usw........
Geht man von einer Leistungsfähigkeit von rund 30 % eines Zwangsarbeiters verglichen mit einem gut genährten Arbeiter aus, so relativiert sich das doch alles ziemlich schnell (und das Kriegsende war absehbar).
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Re: Schlagwort "Materialmangel". Warum?

Beitragvon doozer » Samstag 13. Februar 2016, 21:09

Deine Antwort bezieht sich nur auf den nebenbei von mir in Frage gestellten Baufortschritt. Und das mag auch stimmen.

Meine eigentliche Frage richtete sich ja aber nach einem immer wieder erwähnten Materialmangel. Könntest Du mir dazu vielleicht noch Deine Meinung mitteilen?


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Re: Schlagwort "Materialmangel". Warum?

Beitragvon Augustiner » Sonntag 14. Februar 2016, 08:45

Ich glaube, dies würde ein Buch füllen.

Beispielsweise produzierte die deutsche Rüstung im Jahr 1944 mehr Flugzeuge als in all den Kriegsjahren zuvor zusammen genommen. Nur gab es nicht mehr genug Treibstoff, von gut ausgebildeten Piloten mal ganz zu schweigen.

Man musste häufig auf einfacher zu beschaffende Materialien zurück greifen (Holz als Ersatzstoff oder Gleitlager statt Kugellager usw.) - bei Flugmotoren verringerten sich beispielsweise damit die vorgeschriebenen Wartungsintervalle drastisch, was wiederum die Einsatzbereitschaft beeinträchtigte usw..
Eine Kette ist halt nur so stark, wie ihr schwächstes Glied.
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Re: Schlagwort "Materialmangel". Warum?

Beitragvon doozer » Sonntag 14. Februar 2016, 12:14

Ich drücke mich wohl zu undeutlich aus.

Es ging mir ja um die hier in Bezug auf die Baustelle Jonastal immer wieder erwähnte Aussage bezüglich Materialmangel. Die Verlinkungen auf Weingut I habe ich nur herangezogen um zu veranschaulichen dass auch dort kein Materialmangel herrschte.

Na ja gut - wie dem auch sei.........


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Re: Schlagwort "Materialmangel". Warum?

Beitragvon Augustiner » Sonntag 14. Februar 2016, 16:52

Nein, ich habe das schon verstanden.
Aber nun explizit anzuführen, was im Einzelnen fehlte, ist wohl schlicht nicht möglich. In der einschlägigen Literatur habe ich jedenfalls nichts gefunden und wir wissen ja bis heute nicht, was für einen Zweck die Anlage eigentlich erfüllen sollte bzw. in was sie ggflls. umgewidmet wurde.
Schaut man sich die Kott-Fotos an, so könnte man schon den Eindruck gewinnen, es wäre alles in Hülle und Fülle vorhanden. Ob dieses Material auch tatsächlich benötigt wurde, wissen wir jedoch nicht. Schaut man sich die Kott-Fotos vor den Eisenportalen 21-22 an, so sieht man primitiv "zusammengezimmertes" Hebezeug. Ein Hinweis auf fehlendes schweres Baugerät. Schaufelbagger, Radlader und ähnliches benötigen Treibstoff und man sucht sie vergebens. Sie sind auch nicht auf den paar wenigen Luftbildern auszumachen - also Handarbeit pur.
Ein Hinweis auf fehlenden Zement mag die schlechte Betonqualität sein, nämlich Marke "Eins zu Kiesgrube".
Der wirklich große Mangel scheint mir aber die Unterernährung, die unzureichende Kleidung/ Ausrüstung und Versorgung der Zwangsarbeiter zu sein - aber wir sprachen ja von Material.
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Re: Schlagwort "Materialmangel". Warum?

Beitragvon doozer » Sonntag 14. Februar 2016, 19:51

Ok - da kann ich Dir eigentlich nur zustimmen. Das ist schlüssig erklärt.


Zu Deinem abschließenden Satz:
Menschlichkeit, war wohl der größte vorherrschende Mangel zu jener Zeit. Nicht nur im Jonastal.



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Re: Schlagwort "Materialmangel". Warum?

Beitragvon Luchs » Montag 15. Februar 2016, 15:30

Die Schienen und Rohre (ich unterstelle primär deren Verwendung als Lutte, spätere Belüftung der fertiggestellten Anlage natürlich nicht ausgeschlossen) sind unabdingbar für einen kontinuierlichen Stollenvortrieb bzw. Baufortschritt gewesen. Insofern ein muß. Just in time - Wirtschaft gab es damals noch nicht, also wurde alles wichtige vor Ort gelagert.

Der Vergleich mit dem verwendeten Bewehrungsstahl bei Weingut hinkt ein wenig. Wenn ich bombenfeste Betonbögen in solchen Dimensionen bauen will, brauche ich zwangsläufig entsprechend dicken Stahl. Dazu gibt es selbst beim größten Materialmangel keine Alternativen.
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Re: Schlagwort "Materialmangel". Warum?

Beitragvon doozer » Dienstag 16. Februar 2016, 17:45

Hallo Luchs

Deine Antwort bestätigt ja auch nur was ich mir denke. Erklärt aber nicht meine Frage warum immer wieder von Materialmangel geschrieben wird.


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