Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweiten W

Bereich für alle geschichtlichen Fragen und Diskussionen, die das Jonastal nicht direkt betreffen

Moderator: Under

Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweiten W

Beitragvon MunaUede » Montag 17. August 2020, 19:31

https://www.tagesschau.de/inland/chemiewaffen-115.html

Mediathek: https://www.ardmediathek.de/ard/video/r ... GE1NGU0OQ/


Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweiten Weltkrieg

Stand: 17.08.2020 10:17 Uhr


Es gibt noch mindestens 200 Orte in Deutschland, an denen chemische Kampfstoffe vermutet werden. Verscharrt oder versenkt werden sie zur tickenden Zeitbombe. Wie groß ist das Problem der alten Chemiewaffen?

Von Frido Essen, RB

2552: So groß ist die Zahl giftiger Granaten, die bislang aus dem Dethlinger Teich in der Lüneburger Heide geborgen wurden. Die ehemalige Kieselgur-Grube schlummerte jahrzehntelang unter einem dichten Wald.

Obwohl bekannt war, dass hier nach dem Zweiten Weltkrieg Chemiewaffen aus der ehemaligen Giftgas-Hochburg Munster im großen Stil, erst durch die Briten und später durch das Land Niedersachsen verklappt worden waren, unternahmen Politik und Behörden jahrzehntelang nichts, um die Gefahr zu beseitigen. Man verließ sich auf Wächterbrunnen, die keine besorgniserregenden Stoffe im Grundwasser anzeigten.
Hochtoxische Stoffe sickerten ins Grundwasser

Erst auf gesellschaftlichen Druck wurden vor fünf Jahren neue Brunnen gebohrt. Die erschreckende Erkenntnis: die alten Brunnen standen an falschen Stellen. Jahrelang sickerten hochtoxische Stoffe aus der Munition ins Grundwasser.

Schließlich beschloss der Landkreis: am Dethlinger Teich sollen Probebohrungen Erkenntnisse über den Inhalt liefern. Damit öffnete er im Herbst 2019 die Büchse der Pandora. Schon im ersten kleinen Schacht kamen nach nur einem Meter die ersten Weltkriegsgranaten, voll mit tödlichen, chemischen Inhaltsstoffen, zum Vorschein.
Mann steht in Bohrloch | Bildquelle: ARD-Aktuell
galerie

2552 giftige Granaten wurden bislang aus dem Dethlinger Teich, einer ehemaligen Kieselgur-Grube, geholt.

Für Carsten Bubke, verantwortlich beim Landkreis Heidekreis für die Maßnahme, ist das eine mehr als beunruhigende Erkenntnis. Er sagt:

"Vielleicht haben wir einfach Glück gehabt, dass in den letzten Jahrzehnten hier niemand gebuddelt hat. Wir waren teilweise ziemlich erschrocken, in welchen Mengen und wie dicht unter der Erdoberfläche die Granaten lagen."

Der Dethlinger Teich ist wahrscheinlich der spektakulärste Ort, an dem in Deutschland Chemiewaffen aus den beiden Weltkriegen lagern. Aber bei weitem nicht der einzige.

Karsten Helms, der Geschäftsführer einer der wenigen Ingenieursgesellschaften, die sich in Deutschland ernsthaft mit dem Thema beschäftigen, sagt, seine Firma habe recherchiert, dass es insgesamt 200 Verdachtsflächen in Deutschland gebe. Sie seien verteilt über die gesamte Republik.

Ein großes Problem: In den Nachwirren der Weltkriege sei viel chemische Munition einfach verschwunden, und niemand wisse wohin. Doch nach wie vor kümmere das die Politik viel zu wenig. Helms erklärt:

"Es wurde Anfang der 90er-Jahre über das Umweltbundesamt mal eine Recherche angeschoben, um überhaupt einen Überblick zu bekommen: Was tut sich denn eigentlich in Deutschland? Was ist denn mit diesen Standorten? Es gibt vereinzelt Bundesländer, die im Anschluss daran sogenannte Rüstungsaltlasten-Programme aufgelegt haben, wo dann auf einigen Standorten orientierende Untersuchungen durchgeführt worden sind. Aber es ist nie in irgendeiner Art und Weise zu Ende gebracht worden."

Abtransport der Granaten vom Teich | Bildquelle: ARD-Aktuell
galerie

Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen werden die Granaten abtransportiert.
Boden mit Arsen verseucht

Wie groß die Gefahr, die von den C-Waffen in Deutschland ausgeht, sein kann, zeigt sich auch in Berlin. Im Stadtteil Haselhorst plant eine große Immobiliengesellschaft eine Wohnsiedlung. Routinemäßig ließ das Unternehmen den Boden untersuchen. Ergebnis: das gesamte Areal ist verseucht mit hochgiftigem Arsen. Hergestellt wurde es im Zweiten Weltkrieg für den möglichen Fronteinsatz.

In Haselhorst stand eine große Fabrik für chemische Kampfstoffe. Auch diese Altlast schlummerte hier jahrzehntelang. Der zuständige Bezirk Berlin-Spandau hatte offenbar jahrelang nicht so genau hingeschaut. Es kursiert das Gerücht, dass auf dem Gelände früher fröhliche Partys gefeiert wurden. Jetzt wird der Boden unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen Schicht für Schicht abgetragen. Nur Kampfmittelexperten in Schutzanzügen dürfen das Gelände betreten. Neue Recherchen haben ergeben, dass auch die öffentlichen Flächen rund um das Areal mit Arsen verseucht sind.
Immer weniger Fachleute

Nicht nur in Berlin-Haselhorst oder am Dethlinger Teich gibt es so gut wie keine Zeitzeugen mehr, die die chemischen Waffen noch mit eigenen Augen gesehen haben und von den Geschehnissen berichten können. Das ist ein großes Problem. Außerdem gibt es in Deutschland immer weniger Fachleute, die sich mit den Kampfstoffen beschäftigen.

Einer der wenigen ist Johannes Preuß. Der emeritierte Professor der Uni Mainz erforscht seit 34 Jahren die chemischen Altlasten. Er kennt Orte in Deutschland, wo seit 100 Jahren Reste von chemischen Waffen herumliegen. Frei zugänglich für jeden.
Johannes Preuß | Bildquelle: ARD-Aktuell
galerie

Experte Johannes Preuß kritisiert den nachlässigen Umgang mit dem Thema Chemiewaffen.

Für Preuß ist der nachlässige Umgang mit dem Thema Chemiewaffen fahrlässig. Sein Gefühl sei, dass das Thema bei weitem nicht beendet sei. Das mache einen unzufrieden.

"Ich hätte gedacht, es geht schneller. Wenn wir da mal anpacken und eben die Ressourcen zur Verfügung stellen und sagen: Wir machen einen Schwerpunkt und fangen an aufzuräumen, dann schaffen wir das auch. Das ist ja so ein Wort: Wir schaffen das! Nein, wir haben das nicht geschafft."

Dethlinger Teich soll saniert werden

Immerhin: Nachdem die Probebohrung am Dethlinger Teich gezeigt hat, dass das ganze Loch bis oben hin voll mit Chemiewaffen ist, hat die niedersächsische Landesregierung beschlossen, den Teich komplett zu öffnen und zu sanieren. Ein Vorhaben, das mindestens 50 Millionen Euro kosten wird und viele Jahre dauern könnte. Nach anfänglichem Zögern beteiligt sich jetzt auch der Bund finanziell an dem Vorhaben.
MunaUede
Jonastal-Fortgeschrittener
 
Beiträge: 379
Registriert: Montag 3. Juli 2006, 14:27

Re: Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweite

Beitragvon manganer » Dienstag 18. August 2020, 08:22

Danke für den sehr interessanten, aber leider auch deprimierenden Beitrag... Hier in Thüringen gibt es ja auch so ein paar Hotspots... Eigentlich unverantwortlich! In erster Linie ist da aber der Bund gefragt, als Rechtsnachfolger!
"Wir sollten es schaffen"...
Das größte Rätsel hat manchmal die einfachste Lösung.....
Benutzeravatar
manganer
GTGJ-Mitglied
 
Beiträge: 270
Registriert: Mittwoch 2. September 2009, 08:42
Wohnort: Erfurt/Ilmenau

Re: Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweite

Beitragvon Augustiner » Dienstag 18. August 2020, 11:26

manganer hat geschrieben: Eigentlich unverantwortlich! In erster Linie ist da aber der Bund gefragt, als Rechtsnachfolger!


Zwar kein Giftgas, dafür die Frage der Rechtsnachfolge......
Versuch: www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-f ... -1.4935489
Benutzeravatar
Augustiner
Moderator
 
Beiträge: 2118
Registriert: Samstag 15. Dezember 2007, 20:19

Re: Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweite

Beitragvon Varga » Dienstag 18. August 2020, 14:53

Augustiner hat geschrieben:
manganer hat geschrieben: Eigentlich unverantwortlich! In erster Linie ist da aber der Bund gefragt, als Rechtsnachfolger!


Zwar kein Giftgas, dafür die Frage der Rechtsnachfolge......
Versuch: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/mue ... -1.4935489

Das ist eine Schande für Deutschland!

Gruss
Varga
Am Computer arbeiten ist wie Ubootfahren; öffnet man ein Fenster, gibt es Probleme.
Benutzeravatar
Varga
Jonastal-Fortgeschrittener
 
Beiträge: 393
Registriert: Mittwoch 17. Dezember 2003, 16:25
Wohnort: In der Nähe von Zürich

Re: Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweite

Beitragvon deradel » Dienstag 18. August 2020, 19:49

Es juckt doch keinen! Aber keiner kann sagen man wusste nix!

Zbs. Torfhaus, Elend, Schierke, Braunlage, Torgau...
deradel
Jonastal-Fortgeschrittener
 
Beiträge: 353
Registriert: Mittwoch 10. Juni 2009, 17:47

Re: Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweite

Beitragvon PEKE » Mittwoch 19. August 2020, 06:21

und auch die Ostsee, dort in größerem Ausmass und für alle Anwohnerstaaten
Gruß Peter

Team Σ Sigma


Störe meine Kreise nicht ! Archimedes von Syracus
Benutzeravatar
PEKE
GTGJ-Mitglied
 
Beiträge: 1154
Registriert: Sonntag 6. Januar 2008, 22:08

Re: Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweite

Beitragvon Luchs » Mittwoch 19. August 2020, 20:04

Wie in der Reportage dargestellt: Munster hat viel von dem Zeugs produziert, Munster hat das KnowHow, Munster nimmt zurück. Die GEKA ist die Einrichtung, welche die einzige Verbrennungs- und auch Plasmaanlage in Deutschland zur Vernichtung solcher Altlasten betreibt. Das ist ein zeit- und kostenintensiver Prozess und die Anlagen haben auch nur eine begrenzte Kapazität. Also zwischenlagern. Dazu kommt: Bund und Länder entscheiden hier nicht alleine. Insbesondere bei der dokumentierten Beräumung bekannter Lagerorte spielen die Bürokratie von UN und OPCW eine große Rolle, schließlich gelten auch zünderlose chemische Granaten als weltweit geächtete Chemiewaffen. Im Klartext: Es genügt der Besitz solcher Waffen, unabhängig davon, wie man dazu gekommen ist, in welchem Zustand sie sind oder was man damit beabsichtigt oder nicht. Chemische Altlasten, vor Allem noch aus der Produktion des 1.WK (wobei Lost noch der harmlosere im Vergleich zu später entwickelten Kampfstoffen ist), lagerten und lagern in einzelnen deutschen Militärstandorten. Größtenteils bewusst vergraben worden, denn so korrodieren sie langsamer als in feuchter Luft. Chemische Granaten dürften zudem ein korrosionsfestes Innengefäß haben. Zumindest alles was noch eine Hülle hat ist safe. In den letzten Jahren ist deutschlandweit viel bereinigt und nach Munster transportiert worden. Beispielsweise auch Olsens "größte UTA des Warschauer Vertrages" :-) Betrachte ich die in der Reportage erwähnte offene Verbrennung in Frankreich mit ihren Konsequenzen, favorisiere ich auf jeden Fall die wenn auch gefühlt schleppende deutsche Variante. Kostet Geld und Zeit, ist aber sauber. Unsere Großväter haben das Zeug nun mal produziert und wir werden mit dem Erbe klar kommen müssen. Und ich denke, die Bundeswehr und GEKA-Jungs machen ihre Arbeit bisher gut.
Benutzeravatar
Luchs
Jonastal-Kenner
 
Beiträge: 579
Registriert: Freitag 25. April 2008, 18:58
Wohnort: Gotha

Re: Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweite

Beitragvon deradel » Freitag 18. September 2020, 01:48

Wegen Olsen seiner UTA...

Also vor Jahren kling das noch so, "Mercedes-Diesel, Luchs,
jetzt führt Ihr mich aber ganz schön aufs Glatteis... Hatte eigendlich gedacht daß die Existenz eines solchen Standardwissen ist. Geplant und gebaut fürs OKW und von den Russen nachgenutzt und erweitert. Nur daß eben keiner die genaue Position in der Langen Hein kennt. Sollte dies nicht so sein, dann werde ich in Zukunft zurückhaltender formulieren, und Ihr vergesst es einfach, ok???"

Zitat Manganer vom 01.02.2010, Thread "Explosion auf dem TrÜbPl".

Grüße
deradel
Jonastal-Fortgeschrittener
 
Beiträge: 353
Registriert: Mittwoch 10. Juni 2009, 17:47

Re: Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweite

Beitragvon PEKE » Freitag 18. September 2020, 05:42

Wo ich Olsen kennen gelernt hatte, war ich über sein Wissen erstaunt. Das hatte sich aber schnell gelegt, wenn man seinen hirngespinsten ernsthaft nachgegangen ist. Aber ich habe dadurch die Lokalität besser kennen gelernt.
Gruß Peter

Team Σ Sigma


Störe meine Kreise nicht ! Archimedes von Syracus
Benutzeravatar
PEKE
GTGJ-Mitglied
 
Beiträge: 1154
Registriert: Sonntag 6. Januar 2008, 22:08

Re: Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweite

Beitragvon deradel » Freitag 18. September 2020, 15:17

Naja wer weis was er euch gezeigt hat? Sich allerdings später drüber aufregen ist auch großes Kino. Ihr hättet doch ohne Ortskundige Leute noch weniger Ahnung als so schon.
deradel
Jonastal-Fortgeschrittener
 
Beiträge: 353
Registriert: Mittwoch 10. Juni 2009, 17:47

Re: Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweite

Beitragvon Augustiner » Freitag 18. September 2020, 19:21

Was hat jetzt Ralf Ehmann mit Chemiewaffen zu tun ?
Die "Dekodierung" war sein "Ding" ?
Benutzeravatar
Augustiner
Moderator
 
Beiträge: 2118
Registriert: Samstag 15. Dezember 2007, 20:19


Zurück zu Forum für Geschichte

  • VISITORS

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste

Design by GB