Dunkles Kapitel US Medizingeschichte

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Dunkles Kapitel US Medizingeschichte

Beitragvon MunaUede » Mittwoch 31. August 2011, 06:04

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Testreihen für Penicillin

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem das Antibiotikum Penicillin zu seinem Durchbruch gelangt war, haben US-Mediziner im zentralamerikanischen Guatemala Hunderte Menschen mit Geschlechtskrankheiten wie Tripper (Gonorrhö) und Syphilis infiziert. Die Versuche sollten zeigen, ob das neue Wundermittel auch gegen diese - damals weit verbreiteten - Erkrankungen wirksam ist.

Die Mediziner, welche die Tests damals im Auftrag der US-Regierung durchgeführt hatten, hätten gewusst, dass ihr Handeln gegen jegliche Ethik sei, heißt es nun in einer Stellungnahme im Auftrag des Weißen Hauses.

US-Präsident Barack Obama hatte, nachdem er sich im Oktober offiziell bei Guatemala entschuldigt hatte, eine Untersuchungskommission zur Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels installiert. Die Vorkommnisse von damals seien ein „schändliches Stück US-Medizingeschichte“, zitierte die britische BCC nun die Leiterin der Kommission, Amy Gutmann, selbst eine Medizinerin. „Es ist wichtig, dass wir diese klar unethische historische Ungerechtigkeit genau dokumentieren.“

US-Werbeplakat für Penicillin aus dem Jahr 1944: „Penicillin heilt Tripper in vier Stunden. Suchen Sie heute Ihren Arzt auf.“
„Die Verletzlichsten“ als Versuchskaninchen

Laut US-Medienberichten hatte die Untersuchung ergeben, dass zwischen 1946 und 1948 bis zu 1.300 Menschen - unwissentlich - mit Geschlechtskrankheiten infiziert, aber nur rund 700 behandelt wurden. Bis Ende 1953 starben mindestens 83 der Infizierten.

Bei ihnen handelte es sich um Prostituierte, Soldaten, Häftlinge und psychisch Kranke. Guatemalas Vizepräsident Rafael Espada erklärte gegenüber der BBC, dass sich auch seine Regierung offiziell entschuldigen werde, schließlich waren in die Testreihen auch ansässige Ärzte verwickelt. „Zivilisationen können danach beurteilt werden, wie sie mit ihren Verletzlichsten umgehen“, sagte Gutmann. „Wir haben darin versagt, dieses Versprechen zu halten.“
„Moralisch mehrfach schuldig“

Die Kommission konnte nicht klären, wie viele Menschen direkt oder indirekt an den Folgen der Tests starben. Für Gutmann ist das aber gar nicht so wesentlich: „Die, die in die Studie verwickelt waren, haben in ihren Forschungen nicht den kleinsten Respekt vor Menschenrechten und Moral gezeigt.“ Die Mediziner seien „moralisch schuldig in mehrfacher Hinsicht“.

Auch in den USA wurden im Bundesstaat Indiana Versuche an Häftlingen durchgeführt. Dort seien die Betroffenen aber informiert worden. In Guatemala sei den Testpersonen dagegen „wenig bis gar nichts gesagt worden“, so die BBC. US-Präsident Obama kommentierte die Erkenntnisse der Studie, die in vollem Umfang im September veröffentlicht werden sollen, mit den Worten, die Menschenversuche hätten „allen amerikanischen Werten widersprochen“. Laut BBC erwägen einige Überlebende der Versuche Klagen gegen die USA.
Schockierende Details

Die Untersuchung hätte „schockierende Details“ zu Tage gefördert, hieß es am Dienstag in der Huffington Post. Während der Versuche sei eine Frau, die an Syphilis litt und praktisch im Sterben lag, zusätzlich - unter anderem an den Augen - mit Gonorrhö-Erregern infiziert worden. Laut Huffington Post, die sich in ihrem Bericht auf den der Untersuchungskommission bezieht, wollte die Mediziner sehen, wie sich eine zweite Infektion auswirkte. In einem anderen Fall hätten die Forscher sehen wollen, welche Folgen bakterielle Infektionen auf Epileptiker haben. Sie hätten daraufhin eine Patientin infiziert, die später an einer Hirnhautentzündung starb - wahrscheinlich wegen einer verschmutzten Injektionsnadel.

Die Verantwortlichen seien „ungewöhnlich unethisch“ vorgegangen, zitierte die US-Nachrichtenwebsite aus dem Bericht der Untersuchungskommission, selbst wenn man „den Kontext einer anderen Ära“ bedenke. „Die Forscher haben ihre eigenen medizinischen Fortschritte in den Vorder- und den menschlichen Anstand in den Hintergrund gestellt“, sagte Anita Allen, ein Mitglied des Untersuchungskomitees.
Ergebnisse in Schublade verschwunden

Verantwortlich für die Experimente zeichneten das US-Gesundheitsministerium und das Pan American Sanitary Bureau (PASB), eine noch heute existierende länderübergreifende Gesundheitsorganisation. Die Ergebnisse der Studie waren jahrelang in einer Schublade verschwunden, bis sie im Vorjahr ein Medizinhistoriker des Wellesley College im Bundesstaat Massachusetts fand und den Stein zur Aufarbeitung der Menschenversuche ins Rollen brachte.

Quelle: 31.08.2011
http://www.orf.at/stories/2076600/2076601/
http://www.bbc.co.uk/news/world-latin-america-14712089
http://www.huffingtonpost.com/2011/08/2 ... 41284.html
http://web.wellesley.edu/web
http://www.whitehouse.gov/
MunaUede
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