achen Holzsärgen statt.

So schrecklich der Fund des Massengrabes am US-Airfield auch war, so hat er doch die Öffentlichkeit für die Geschichte des KZ Echterdingen vor der eigenen Haustür sensibilisiert. Das Interesse an der Aufarbeitung dieser Geschichte ist vor Ort derzeit so groß wie nie zuvor und so ist es Ziel dieser Berichterstattung, Ähnliches auch für die KZ-Außenlager S III zu erreichen. Man mag es kaum glauben, aber auch im Bereich der ehemaligen DDR gibt es diesbezüglich große Lücken in der Aufarbeitung und Spekulationen wuchern ungehemmt und teils unverschämt.

Herrn Benjamin Gelhorn, geb. 1922 in Lodz, wurde bereits mit Kriegsbeginn 1939 im Getto von Lodz gemeinsam mit seiner gesamten Familie und zeitweise 160.000 Juden eingepfercht. Der Tag seiner Verhaftung war gleichzeitig der Tag des endgültigen Abschieds von allen Familienangehörigen. Der Vater kam in Ostpreußen um, die Mutter und die vier Geschwister wurden, wie 70.000 andere Juden aus Lodz, ins 60 Kilometer entfernte Chelmno verfrachtet. Sein jüngster Bruder hieß Berele. Er starb mit unschuldigen drei Jahren im Gas von Chelmno. "Die Soldaten haben schon bei der Ankunft Gas in die Waggons geworfen", hat Gelhorn später erfahren. Geblieben ist ihm nichts: Kein Foto, Kein Ring, Kein Brief.

Über ein Arbeitslager bei Posen kam er um die Jahreswende 1942/43 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Dort überlebte er wie durch ein Wunder die planmäßige und massenhafte Menschenvernichtung durch die deutschen Besatzer. Im Herbst 1944 wurde er für wenige Wochen in das KZ Stutthof bei Danzig verlegt. Danach rollte am 21. November 1944 ein Eisenbahntransport durch das Restreich nach Echterdingen und endete in einem Hangar des Stuttgarter Flughafens. Die Aufgabe der Häftlinge war es dort, nach Fliegerangriffen die Bombenschäden zu beseitigen, um den Flugverkehr aufrechtzuerhalten. Zudem wurde im harten Winter an einer Verbindung zur nahen Autobahn gebaut, um so ein zusätzliches, provisorisches Rollfeld zu schaffen. 119 von ursprünglich 600 Häftlingen sind dabei binnen zweier Monate verhungert, erfroren, an Krankheit und Erschöpfung gestorben. Wenn es in jenem Winter 1944/45 auf der Startbahn nichts zu tun gab, wurden die Häftlinge auf die Bauernhöfe der Umgebung verteilt, um den Frauen im Stall zu helfen. Oft erhielt Gelhorn dort ein Stück Brot, und das hat ihm mit zum Überleben verholfen. An Misshandlungen durch die Aufseher kann sich Gelhorn dagegen nicht erinnern. So zieht Benjamin Gelhorn das ganz klare Fazit: "Echterdingen war besser als Birkenau - hier musste man nicht täglich eine Selektion befürchten."

Am 20. Januar 1945 wurde das KZ Echterdingen aufgelöst, und 320 Männer kamen auf den Transport in das KZ-Außenlager Crawinkel. Dort kamen Sie am 25.01.1945 an und wurden zunächst in der Muna eingesperrt. Herr Gelhorn berichtete dazu: „Das Lager dort lag im Wald und ich wurde mit vielen anderen in einer Reihe von Erdbunkern untergebracht. Sie sahen aus wie riesige Kartoffelmieten (Erdhaufen), hatten aber eine Vorderseite aus Beton, auf welcher die Nummer aufgeschrieben war. In meinem Fall war dies die Nr. 42. In der hinteren Hälfte war Munition gestapelt, gesichert durch ein Gitter. Wir lagen im Raum davor eng beieinander. Angesichts der Bombardierungen war dies das reinste >Himmelfahrtskommando<.“ Auf eine Nachfrage in Bezug zu anderen Aussagen zum Lager Crawinkel antwortete Herr Gelhorn: „Eine Umzäunung oder brennende Leichenberge habe ich nicht in Erinnerung, auch keine Baracken. Auch von einer Musikkapelle dort ist mir nichts bekannt.“ Aus den wenigen, bisher vorliegenden Unterlagen können wir derzeit nachvollziehen, dass mindestens 18 Häftlinge dieses Transportes S III nicht mehr lebend verlassen konnten. Weitere 10 Häftlinge überlebten und ein Häftling wurde nachweisbar in ein anderes KZ verlegt. Nach der nun vorliegenden Zeugenaussage ist zu schlußfolgern, dass vor seiner Ankunft die Feldbahn von Crawinkel in das Jonastal durch Luftangriffe teilweise zerstört wurde. „In der Nähe waren Gleise einer Schmalspurbahn, zerstört durch Luftangriffe. Die Loren, die von Hand geschoben werden sollten, waren aus den Gleisen gerissen worden und im Gelände zerstreut. Unsere Aufgabe war es, die Gleise zu reparieren und alles wieder in Ordnung zu bringen.“ Im Gegensatz zu Echterdingen beschrieb er weiter, dass in S III geschlagen wurde. Als Beispiel fügte er an, dass er bei den Gleisreparaturen als Kapo eingesetzt wurde, und weil er seinen erschöpften Kameraden eine kurze Pause gegönnt hatte, wurde er von einem SS-Mann verprügelt.

„Wie lange wir für die Gleisreparatur gebraucht haben, kann ich nicht mehr sagen. Es waren wohl nur einige Tage. Danach waren wir wieder für einige Tage am Bahnhof Crawinkel zum Abladen eingeteilt, bis es zu meinem >Unfall< kam. Wir mussten dort aus Eisenbahnwaggons Zementsäcke ausladen. Jeder Sack wog damals 50 Kilogramm. >Zum Spaß< hat mir ein SS-Mann zum ersten Sack, den ich schon auf den Schultern hatte, noch einen zweiten draufgehauen. Ich bin unter der Last zusammengebrochen und mein linker Oberschenkel ist gesplittert. Ich wurde ohnmächtig und bin erst wieder in einem Zelt mit gebrochenem Bein auf dem Boden liegend aufgewacht. Mein Bruch wurde nicht medizinisch behandelt.“ Leider kann der Zeitzeuge keine Angaben darüber machen, in welchem Teillager sich das Lazarett bzw. das Zelt befand und fuhr fort: „So kann ich nicht sagen, wie weit es vom Bahnhof bis zum Zelt war, ob es dort auch noch andere Zelte oder sonstige Gebäude gab. Jedenfalls war es nicht der Wald mit den Erdbunkern, wo ich zuvor untergebracht war. Mit mir im Zelt lagen noch mehr Leute, krank, erschöpft oder verwundet, jedenfalls nicht mehr gehfähig. Wir wurden mit einer Suppe am Tag am Leben gehalten. Den Aufenthalt in diesem Zelt schätze ich auf einen Monat. Ich war sehr schwach und oft ohne Bewusstsein, so dass mir nicht mehr viel dazu einfällt. Kameraden haben mich versorgt und das Bein ist dann von alleine falsch zusammen gewachsen und war einige Zentimeter kürzer. So blieb mir für mein ganzes Leben eine starke Gehbehinderung.

Nach einigen Wochen wurde ich mit anderen, nicht gehfähigen Leidensgenossen auf einen LKW geladen. Wir wurden wie Kartoffelsäcke auf die Ladefläche geworfen. Ich betete zu Gott und war der Überzeugung, dass dies meine letzte Fahrt sei. In Buchenwald wurden wir im Krankenlager, einem extra abgezäunten Bereich innerhalb des Hauptlagers, ausgeladen. Dort waren normale KZ-Baracken mit dreistöckigen Liegeflächen. Man hatte einfach die Ladefläche hochgekurbelt und wir fielen wie Kohlen übereinander auf die Erde. Allerdings wurden wir nicht, wie erwartet, umgebracht und ins Krematorium gebracht, sondern sogar von einem tschechischen, jüdischen Häftlingsarzt behandelt und >in einem Außenlager< sogar geröntgt.“ Herr Gelhorn bezeichnete dieses Lager außerhalb mit >Backnack< [rein aussprachlich] und es war bisher nicht zu klären, ob dies eine Ortsbezeichnung oder vielleicht eine Abkürzung für eine Dienststelle oder Lazaretteinrichtung war. „Ich wurde wohl mit einem Fahrzeug dorthin gebracht, weil ich mich nur mit großen Schmerzen bewegen konnte. Dort versuchte man mein Bein von Hand zu brechen, drei Männer haben es versucht, aber es war schon zu fest zusammengewachsen. Der Arzt meinte dann aber, dass es für mich zu gefährlich sei, wenn ich mich dann gar nicht mehr bewegen könne, weil die Amerikaner bereits im Anmarsch seien und in wenigen Tagen das Lager erobern würden. So hat man nur einen dicken Gips drum gemacht. Der tschechische Arzt gab mir dann eine Krücke und ein anderer Gefangener musste in der unteren Bux Platz [unterste Liegefläche] machen, so dass ich notfalls fliehen konnte. Es waren dann nur noch wenige Tage – ich entsinne mich, dass mein Bein unter dem Gips anfing fürchterlich zu jucken - bis zur Befreiung durch die Amerikaner. Der Arzt, der mir dort geholfen hatte, hat sich sehr bemüht, möglichst viele bis zum Eintreffen der Amerikaner am Leben zuhalten.“

Zum KZ Buchenwald ergänzte Herr Gelhorn weiter: „Gegenüber dem allgemeinen Lager war das Krankenlager durch einen extra Zaun abgegrenzt. Nebenan war ein Steinbruch mit einem Gleisanschluß. Dort kamen eine ganze Reihe von Waggons an, wie sich herausstellte, voll mit Koffern, Schuhen, Kleidung und Haaren aus anderen Lagern. Zum Ausladen wurde ein Kommando von Häftlingen zusammengesucht, denen je ein Brot und ein Päckchen Zigaretten versprochen wurde. Ich wollte auch dazu, weil ich ganz ausgehungert war, wurde aber als „Krüppel“ abgewiesen. Aber essen sollten sie das Versprochene erst am Abend. Nach getaner Arbeit wurden sie zu der Stelle zurückgeführt, wo sie die Brote und Zigaretten abgelegt hatten. Jeder hatte sogar eine Nummer bekommen, damit nichts verwechselt wurde. Aber statt Nahrung bekam jeder einen Genickschuß. Schon vor der Ankunft der Amerikaner war ein großes Chaos im Lager, die Wachmannschaften zum Teil abgerückt. Die Amerikaner warfen Päckchen mit Lebensmitteln von Flugzeugen ab. Dadurch, dass die ausgemergelten Gefangenen nicht mehr an richtige Nahrung gewöhnt waren, sind daran noch sehr, sehr viele gestorben. So erwischte sie mit dem Tag der Befreiung nach meist jahrelangem Leiden in den Lagern doch noch der Tod und sie konnten sich an der Freiheit nicht mehr erfreuen. Nach der Befreiung kam eine amerikanische Ärztin zu uns in die Baracke, sie war Jüdin und sagte uns, wir könnten in die Schweiz oder in die skandinavischen Länder gebracht werden. Aber ich wollte nicht weg und zuerst nach Lodz gehen, um nach meiner Familie zu suchen. Dass alle tot waren, wusste ich damals ja noch nicht. So kam ich nach Wildflecken, wurde dort einige Wochen aufgepäppelt und dann zu den Amerikanern nach Landsberg in Bayern. Von dort konnte ich dann einmal nach Lodz fahren, aber unser Haus war leer, die Fenster zugenagelt, meine Eltern und alle Geschwister ermordet und ich fand niemanden mehr, den ich oder der mich gekannt hätte.“

Nach beinahe sechs Jahren gingen die Qualen auch für Benjamin Gelhorn zu Ende: Am 11. April 1945 erreichte die US-Armee Buchenwald und er war ein freier Mann. Wie es ihm damals im Innersten erging, darüber geht er mit einem einzigen Satz hinweg: "Wir haben Gott gedankt, wenn wir morgens wieder aufgewacht sind.“ Oft hat er sich in all den Jahren gefragt, warum gerade er die Gnade des Überlebens erfahren durfte. Vielleicht erfüllt sich jetzt aber, nach 61 Jahren, ein tieferes Schicksal. So kann er nun den Lebenden und den künftigen Generationen über das berichten, was in Echterdingen, Crawinkel und Buchenwald ggf. beinahe vergessen war.

Die Mitglieder des Jonastalvereins danken Herrn Gelhorn für seinen Zeitzeugenbericht, der für unsere weiteren Recherchen so unsagbar wichtig ist. Wir können an dieser Stelle nur versprechen, dass wir alles daran setzen werden, dass sein Schicksal und das seiner Tausenden Leidensgenossen, die untrennbar mit den Worten Jonastal, Ohrdruf, Crawinkel und weiteren verbunden sind, nicht in Vergessenheit geraten und dadurch sich Gleiches nicht wiederholen kann. Weiterhin danken wir Herrn Dr. Eberhard Schanbacher sowie Herrn Dr. Thomas Faltin und Herrn Achim Zweygarth, beide von der Stuttgarter Zeitung, für die Unterstützung. Zusätzliche Informationen und weiterführende Links zum Thema finden Sie im Online-Archiv des Vereins über www.jonastalverein.de.

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