auf dem Truppenübungsplatz bei Ohrdruf wenige Wochen vor Kriegsende statt.

Cläre Werner war 1945 ein junges Mädchen, sie lebte mit ihren Eltern auf der «Wachsenburg», hoch auf einem Bergkegel gelegen, damals wie heute Hotel und Restaurant. Bereits zu DDR-Zeiten kursierten in Thüringen zahlreiche Geschichten über die Aktivitäten der Nazis in den letzten Kriegsjahren. Es war bekannt, dass gigantische unterirdische Anlagen gebaut und streng geheime waffentechnische Entwicklungen betrieben wurden. In diesem Zusammenhang kam es zu einer «Befragung von Bürgern zu Ereignissen zur örtlichen Geschichte im Auftrag der Abteilung Kultur des Rates des Kreises, der Arbeitsgruppe der SED-Kreisleitung und dem Arbeitskreis des Schloss- und Heimatmuseums» im Mai 1962.

Vor diesem Gremium berichtet Frau Werner: «Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern. Es war der 4. März 1945. Für den Tag hatten wir eine Geburtstagsfeier für den Abend, diese wurde abgesagt. Am Nachmittag war der BDM (Bund Deutscher Mädchen) von Gotha auf der Burg. Hans war auch da und half uns noch, dann sagte er uns, dass heute auf dem Platz Weltgeschichte geschrieben wird. Es wird etwas gemacht, was es auf der Welt noch nicht gegeben hat. Wir sollen am Abend auf den Turm [der «Wachsenburg», d. Verf.] gehen und in Richtung Röhrensee schauen. Er wisse auch nicht, wie das neue Ding aussehen wird. So waren wir ab 20 Uhr auf dem Turm. Nach 21 Uhr, gegen halbzehn, war hinter Röhrensee mit einmal eine Helligkeit wie Hunderte von Blitzen, innen war es rot und aussen war es gelb, man hätte die Zeitung lesen können. Es war alles sehr kurz, und wir konnten dann alle nichts sehen, wir merkten nur, dass es eine mächtige Sturmbö gab, aber dann alles ruhig war. Ich wie auch viele Einwohner von Röhrensee, Holzhausen, Mühlberg, Wechmar und Bittstädt hatten am anderen Tag oft Nasenbluten, Kopfschmerzen und auch einen Druck auf den Ohren. Am Nachmittag, gegen 14 Uhr, waren so zwischen 100 und 150 SS-Leute auf einmal auf der Burg, sie fragten, wo die Leichen seien, wo sie hingebracht worden seien und wer schon da war. Wir wussten von nichts, und sie fragten uns, ob sie hier im ÐObjekt Burgð seien. Ich sagte ihnen, sie seien hier auf der Feste Wachsenburg, die im Volk immer nur als ÐBurgð bezeichnet wird. Ein Kraftradfahrer gab eine Meldung ab, dass die ÐBurgð über Ringhofen zu erreichen ist. Daraufhin fuhren die Autos von der Burg nach Mühlberg. Ich sah vom Turm, dass sie dann zum Übungsplatz fuhren.»

Ein anderer Zeuge - Heinz Wachsmut - berichtete: «Nach einer Straftat [...] wurde ich zwangsverpflichtet. Wir waren 6 Deutsche und hatten zur Hilfe 18 Häftlinge, darunter 7 Ungarn, 5 Polen und 4 Russen; es waren alles Techniker, sie trugen keine Häftlingsanzüge, sondern Felddienst, und wurden auch mit uns verpflegt. Unsere Hauptaufgabe war, Tarnungsarbeiten durchzuführen. An gelandeten Flugzeugen, an Objekten, an Transportgut, das nicht immer sofort eingelagert werden konnte, und auch zu Hilfsarbeiten wurden wir eingesetzt, wenn zu viele Häftlinge verstorben waren. Dazu mussten wir dann oft Holzhaufen errichten, wo die Leichen dann draufgelegt und angezündet wurden. Es gab keine Listen über die verstorbenen Häftlinge.

Ein Tag, der immer in meinem Leben Bilder vor den Augen macht, war der Nachmittag des 5. März 1945. Wir mussten in der Polte Rudisleben Gerüste errichten für einen Versuch, der in wenigen Tagen stattfinden sollte. Am Nachmittag fuhr die SS mit Lkw vor, eigentlich hatte uns die SS nichts zu sagen, da wir ja immer mit Sonderbefehlen arbeiteten, die immer die Stempel der Reichspost bzw. des Forschungsrates trugen und nach dem Lesen sofort vernichtet werden mussten. Es war ein Befehl, der die Unterschrift von Kammler trug. Wir mussten alles Holz, das verfügbar war, aufladen. Die Fahrt ging nach Röhrensee, dort waren einige SS-Ärzte tätig, da eine grosse Anzahl von Bewohnern Kopfschmerzen hatte und Blut spuckte. Wir waren dort falsch und wurden sofort nach Gut Ringhofen bei Mühlberg gebracht. Dort wurde uns gesagt, wir müssen Holzhaufen am Waldrand errichten, etwa 12x12m und nur höchstens 1m hoch, dazu mussten wir Vollschutz tragen, auch unsere Häftlinge. Am Waldrand sahen wir schon einige Haufen von Menschenleichen, die wohl ehemalige Häftlinge waren. Die Menschen hatten alle absolut keine Haare mehr, teils fehlten Kleidungsteile, sie hatten aber auch zum Teil Hautblasen, Feuerblasen, nacktes rohes Fleisch, teilweise waren einige Teile nicht mehr vorhanden. SS und Häftlinge brachten die Leichen an. Als wir die ersten 6 Haufen fertig hatten, wurden die Leichen daraufgelegt, je Haufen etwa 50 Stück, und Feuer gelegt. Wir wurden zurückgefahren. Im Gut mussten wir den Schutz und unsere gesamte Kleidung ausziehen. Diese wurde ebenfalls sofort von der SS angezündet, wir mussten uns waschen und erhielten neue Kleidung und neuen Schutz, dazu jeder eine Flasche Schnaps, auch unsere Häftlinge. Ein hoher SS-Mann sagte mir, es habe da oben eine grosse Stichflamme gegeben gestern, man hat etwas Neues gemacht, davon wird die ganze Welt sprechen, und wir Deutschen sind die ersten. Leider sei dabei einiges nicht so gelaufen wie geplant, und einige Nichtsnutze habe man weniger. Beim zweiten Einsatz wurden nochmals 3 Haufen errichtet. Dabei sahen wir, wie aus dem Wald einige völlig unmenschliche Lebewesen angekrochen kamen. Wahrscheinlich konnten einige nichts mehr sehen. - Pause - Ich kann es auch heute nicht beschreiben. Von zwei SS-Leuten wurden diese etwa 12 bis 15 Menschen sofort erschossen. Ob sie wirklich schon erschossen waren, kann ich nicht sagen, da einige noch den Mund bewegten. Sie wurden bzw. mussten von anderen Häftlingen auf die in Flammen stehenden Haufen getragen werden. Wir wurden wieder zum Gut gebracht, und es wiederholte sich alles. Gegen 23 Uhr fuhren wir zurück zur Polte. Am Waldrand waren 14 Feuerstellen zu sehen. Wir konnten an diesem und den nächsten Tagen nichts essen, es gab für uns und die Häftlinge immer wieder Schnaps. Einer unserer russischen Häftlinge sagte uns, er habe einen der Erschossenen noch verstanden, '[...] grosser Blitz - Feuer, viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da, viele mit grossen Feuerwunden, viele blind, Gruss an Mutter von Olek Barto nach Gurjew [...]'.» (Edgar Mayer und Thomas Mehner: «Die Atombombe und das Dritte Reich» und «Hitler und die ÐBombeð»)

Haben wir nicht Gründe genug, traurig an diesen 4. März zu erinnern? Aus der Anzahl der Scheiterhaufen kann man grob die Anzahl der Häftlinge abschätzen. Diese mehreren hundert KZ-Häftlinge oder Kriegsgefangene, die um die Atombombe herum aufgestellt wurden, um die Wirkung auszuprobieren, sind mit einiger Sicherheit die ersten Opfer einer Atombombe überhaupt. Nach einer Gedenktafel etwa oder irgendeinem offiziellen Hinweis auf den 4. März 1945 sucht man vergebens. Der Truppenübungsplatz bei Ohrdruf hat viele Herren gehabt, die Deutsche Wehrmacht musste den Truppenübungsplatz 1944 an die SS abgeben, es wurde dort auch ein Arbeitslager des KZ Buchenwald errichtet, nach Kriegsende übte dort die Rote Armee, heute ist er nach wie vor Truppenübungsplatz - der Bundeswehr. Sollte man nicht noch irgendwelche Spuren dieses mörderischen Tests finden?

Der Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch hat nach solchen Spuren gesucht, er beschreibt den Krater, den die Testexplosion im Boden hinterlassen hat. Er hat das jüngste Buch über «Hitlers Bombe» geschrieben, es wird noch im Frühjahr bei der DVA erscheinen. Es gibt nicht nur den Krater, es gibt sogar den Nachweis von Radionukliden im Boden von dieser Stelle, die die Bombenthese bestätigen. Karlsch ist es sogar gelungen, in Moskau Berichte des russischen Geheimdienstes auszugraben, in denen über den 4. März 1945 berichtet wird. Der russische Vater der Atombombe - Kurtschatow - hat sich damit beschäftigt und Stalin informiert. Die Berichte passen sehr gut zu den obengenannten Augenzeugenberichten. Es lohnt sich, die Bücher von Mayer/Mehner und Karlsch aufmerksam zu lesen.

Nach Kriegsende haben zunächst die Amerikaner, etwas später die Russen alles, was sich irgendwie bewegen liess - Unterlagen, Geräte, Menschen -, gezielt gesucht und in die USA bzw. nach Russland abtransportiert. Grosse Teile dieser Unterlagen sind in den USA noch heute unter Verschluss, so dass es einiger detektivischer Energie bedarf zu rekonstruieren, was da am 4. März genau gezündet wurde.

Diebner publizierte 1962 in der Fachzeitschrift Kerntechnik, deren Mitherausgeber er war und die gleichzeit Publikationsorgan der Studiengesellschaft zur Förderung der Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt in Hamburg gewesen ist, einen unscheinbaren Artikel mit dem Titel: «Fusionsprozesse mit Hilfe konvergenter Stosswellen - einige ältere und neuere Versuche und Überlegungen». Diebner beschreibt in dieser Arbeit hinter vorgehaltener Hand, aber unmissverständlich, welche zweifellos physikalisch-technisch pfiffigen Überlegungen hinter der Explosion am 4. März 1945 standen. In seiner Publikation kommt natürlich die Bombe nicht direkt vor - Diebner spricht aber von technischen Anwendungen im Bereich unterirdischer Explosionen und Grossraumsprengungen - zum Beispiel für den Hafenbau. Diebner hat zusammen mit Bagge 1955 in Norddeutschland die Gründung der Studiengesellschaft zur Förderung der Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt betrieben und sass dort im geschäftsführenden Vorstand. Ebenfalls mit Bagge zusammen hat er die Zeitschrift Atomkernenergie begründet. Schon 1956 wurde die Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt - als GKSS bekannt und berüchtigt - wiederum unter massgeblicher Mitarbeit von Diebner begründet, er war einige Zeit dort stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Wer es noch nicht verstanden hat: Die Atombombe, die am 4. März 1945 mehrere hundert KZ-Häftlinge auf schreckliche Weise umgebracht hat, funktionierte nach einem Prinzip, das unter Führung von Diebner entwickelt und zehn Jahre später von demselben Diebner in der neuen nordwestdeutschen Kernphysik angesiedelt wurde. Dieses Prinzip steckt schliess-lich hinter den «Kügelchen», an denen wir uns die Zähne ausbeissen, weil dort, wo sie in den Gärten herumliegen, Kinder an Leukämie erkrankt sind (Elbmarsch).

Sie erinnern sich - nicht weit von Hamburg, stromaufwärts an der Elbe bei Geesthacht, ist die weltweit höchste Rate von Leukämie bei Kindern zu beklagen. Der Anstieg erfolgte sehr auffällig plötzlich im Jahre 1990 und hält bis heute an. Die meisten Leukämiefälle gibt es am Südufer der Elbe in einer dünn besiedelten ländlichen Region, eben der sogenannten Elbmarsch, gegenüber am Nordufer stehen das grosse Kernkraftwerk Krümmel und dicht daneben das Kernforschungszentrum mit der etwas verwirrenden Abkürzung GKSS. Es gibt eine lange Reihe von Indizien dafür, dass vom KKW Krümmel, wahrscheinlich aber stärker noch von der GKSS Radionuklide in die Umwelt gelangt sind, die ursächlich mit den Leukämieerkrankungen zu tun haben. Bezüglich der GKSS besteht der Verdacht, dass dort zumindest auch militärisch interessante Spiele gespielt wurden. Sogar das Ministerium für Staatssicherheit ist auf die Aktivitäten der GKSS aufmerksam geworden und äussert in einem Gutachten einen Verdacht in dieser Richtung. Die Verbindung der schrecklichen Testexplosion am 4. März 1945 mit den Leukämiekindern in der Elbmarsch bedarf grösster Aufmerksamkeit nicht nur aus historischem Interesse.

Und viele Fragen bleiben offen: Weshalb wurde die Testexplosion vom 4. März 1945 fast 60 Jahre von den eigentlich für solche Fragen zuständigen Historikern unterschlagen? Weshalb wurde das Buch von Meyer und Mehner nahezu völlig ignoriert oder lediglich angepöbelt? Weshalb haben die Konkurrenten von Diebner - die berühmten Professoren Heisenberg und Weizsäcker in ihren zahlreichen Schriften dieses Kapitel übersprungen? Weshalb hat Diebner die Göttinger Erklärung der Atomwissenschaftler von 1957 nicht mitunterzeichnet? Weshalb wurde 1990 das bis dahin strikte Verbot von Atomwaffen in Deutschland fast vollständig aufgehoben (Kriegswaffenkontrollgesetz §16)? Weshalb drücken sich die deutschen Friedensforschungsinstitute und Friedensorganisationen um diese ganze Geschichte? Weshalb ist unseren Nachbarn in Europa offensichtlich gleichgültig, dass Deutschland es sich seit 15 Jahren - wieder - gestattet, an Atomwaffen zu arbeiten?

Nehmen wir den 4. März in die unübersichtliche Reihe deutscher Gedenktage auf, in Deutschland wurden nicht nur die physikalisch-chemischen Grundlagen der Kernspaltung entwickelt und die Idee der Bombe formuliert, sondern auch gezielt zum erstenmal Menschen mit einer Atombombe ermordet. Es ist nicht völlig abwegig zu frieren bei der Vorstellung, die Nazis hätten nur wenige Wochen länger Zeit gehabt.

Hinweis: Am 18. März werden im Rahmen einer Internationalen Tagung des Instituts für Zeitgeschichte in Wien die «Perspektiven einer Wissenschaftsgeschichte der Europäischen Kernforschung» diskutiert. Dabei geht es wesentlich um die neuen Ergebnisse zu «Hitlers Bombe» von R. Karlsch. Am 20. März wird es in der ZDF-Sendung «History» von Guido Knopp weitere Informationen zu «Hitlers Bombe» geben.

Buchhinweis:

Karlsch, Rainer, Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Atombombenversuche. März 2005.
ISBN 3-421-05809-1.

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