musste einer näher hin, Tote verbrennen: "Am Waldrand sahen wir einen Haufen Leichen, die wohl Häftlinge waren. Sie hatten absolut keine Haare mehr." Einer von ihnen habe noch geröchelt: "Großer Blitz, Feuer, viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da, viele blind."

War das "Hitlers Bombe", wie sie Rainer Karlsch im Titel seines heute präsentierten Buchs ohne Fragezeichen verspricht? War "das deutsche Reich kurz davor, den Wettlauf um die erste Atomwaffe zu gewinnen", wie der Verlag Spannung und Auflage erhöht? Mit den Zeugen ist das so eine Sache - sie erinnerten sich erstmals in den 60er-Jahren, nicht einmal die Stasi nahm sie ernst. Karlsch erwähnt das, er ackert auch akribisch durch, was man weiß, den "Uranverein". Im Januar 1939 publizierte Otto Hahn, dass man Atome spalten kann, kurz darauf versammelte das Erziehungsministerium die großen Physiker, Hahn, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker.

Es ging um die zwei Wege, die die Kernspaltung öffnet: Man kann Wärme (und daraus Strom) erzeugen oder Bomben bauen. Beides kann zusammenspielen: In Reaktoren fällt Plutonium an. Was man damit tun kann, bemerkte Weizsäcker - in der Theorie - früh, 1941 ließ er ein "Verfahren zur explosiven Erzeugung von Energie aus der Spaltung des ,Elements 94' z. B. in einer Bombe" patentieren. "Element 94" ist Plutonium, das Patent ist Karlschs zentraler Fund, aber den kann er nicht verwerten.

Weizsäcker kam nie zu Plutonium. Zwar arbeitete er mit Heisenberg an einem Reaktor, der mit Uran hätte betrieben werden sollen und als Abfall Plutonium erzeugt hätte. Aber der ging nie in Betrieb. Alles andere ist umstritten, vor allem Heisenberg: Wollte er die Bombe? Sein Mentor Niels Bohr hat ihn so verstanden, bei einem Gespräch 1941 in Kopenhagen, Heisenberg hat es später in Abrede gestellt und sich als Bomben-Bremser präsentiert. Fest steht, dass die Freundschaft zu Ende war, fest steht auch, dass Heisenberg die Bombe nicht baute, ob er es nun nicht wollte oder nicht konnte.

Aber es gab nicht nur den "Uranverein", auch das Militär hatte Physiker, selbst die Reichspost träumte von der Bombe: "Sehen Sie, meine Herren", verspottete Hitler 1942 einen Geburtstags-Gratulanten: "Ausgerechnet mein Postminister offeriert mir heute die Wunderwaffe, die wir brauchen!"

Diese Verengung des Blicks teilten viele, auch die zeitgeschichtliche Forschung war lange fixiert auf den "Uranverein". Karlsch bricht das auf und will anderswo Erfolge ausgemacht haben: Forscher des Heers sollen einen eigenen Reaktor gebaut haben, in dem weltweit erstmals eine Kettenreaktion in Gang kam, aber nicht beherrscht werden konnte. "Es muss zu einem Reaktorunfall gekommen sein", vermutet der Historiker. Er kann allerdings "keine Unterlagen" von damals vorweisen, nur Messergebnisse von heute, dazu später.

Die Quellen dünnen sich aus, je näher die Haupt-Sensation kommt, der großdeutsche Sonderweg: "Die Frage der Gewinnung von Kernenergie auf einem anderen Weg als durch Uranzerfall ist auf breiter Basis in Angriff genommen." Das behauptete einer der Forschungs-Organisatoren im Mai 1944. Es gibt nur zwei Wege: Man kann Kerne spalten (Fission, Atombombe), man kann Kerne verschmelzen, Fusion: Wasserstoffbombe. Die braucht viel Energie, man zündet eine Fusions-Bombe für gewöhnlich mit einer Fissions-Bombe. Die hatten die Deutschen nicht, aber sie hatten etwas anderes, die "Hohl-Ladung". Die beruht darauf, dass die Explosivkraft eines Geschosses steigt, wenn man es aushöhlt, die bekannteste Nutzung ist die Panzerfaust, man kann damit offenbar auch die Fantasie zur Explosion bringen: Die Deutschen hätten via Hohl-Ladung eine Wasserstoffbombe gezündet, spekuliert Karlsch, "Protokolle gibt es leider nicht", "die Dokumentenlage ist spärlich". Bleiben als Beleg zwei Explosionen, eine auf Rügen, eine in Thüringen, die eingangs zitierte.

Karlsch ist hingereist, hat Bodenproben genommen und sie auswerten lassen. Zwar hat er sie am falschen Ort genommen - den richtigen sah er später auf Luftbildern, man kann leider nicht hin ("Blindgängergefahr") -, aber die von ihm konsultierten Experten haben doch richtige Bombenmuster herausgemessen. Nur: Sie stammen vom anderen Bombentyp, nun war es keine Fusion, sondern eine Fission oder eine "schmutzige Bombe", was immer das sei, groß war sie auch nicht, kein Vergleich mit Hiroshima.

"Totaler Schmarrn", urteilte Einstein-Biograf Armin Herrmann gegenüber dem Spiegel summarisch. "Man sollte beim Proben-Nehmen schon wissen, wo man schaut und auf welche Nuklidmuster man schaut", geht Michael Sailer, Atomexperte beim Ökoinstitut (Darmstadt), ins Detail: "Und man sollte auch die eigenen Daten interpretieren können. In allen drei Punkten ist fachlich nicht nachvollziehbar, was da steht." Aber sie haben doch Kobalt-60 gemessen und Neutronen? "Das beweist überhaupt nichts hinsichtlich eines Ereignisses vor 60 Jahren. Wäre entsprechendes Material bei einem Waffenversuch 1945 gebildet worden, wäre es längst zerfallen und nicht nachweisbar."

Nicht einmal in Hiroshima findet man heute noch Neutronen, obwohl man sie mit sensibelsten Methoden sucht. Was strahlt dann in Ohrdruf? Das Gelände war und ist Truppenübungsplatz, und Militär hantiert auf vielfältige Art mit strahlendem Material.

Rainer Karlsch, Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche, DVA, ca. 450 Seiten, ca. 24,90 Euro. DVA unterstützt eine Tagung der Wiener Zeitgeschichtler über das Buch: 18. 3., 10.00 bis 17.00 Uhr, Spitalg. 2-4, Hof 2, 1090 Wien

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