Jahre danach eine Neubewertung der Geschichte der schrecklichen Massenvernichtungswaffe notwendig wird.
Immerhin wirbt der renommierte Verlag Deutsche Verlagsanstalt (DVA) in einem Prospekt über das Buch mit der Mutmaßung: „Das Deutsche Reich stand kurz davor, den Wettlauf um die erste einsatzfähige Atomwaffe zu gewinnen.“ Der Autor plädiert im Vorwort für eine Neubewertung, weil neue Archivfunde und physikalische Analysen „in diesem Buch erstmals der Öffentlichkeit vorgelegt werden“.

Eile mit Weile, so wird sich der Leser sagen, der sich auf dem Marktplatz historischer Revisionen, besser gesagt ihrer Versuche, auskennt. Denn Bücher zum Thema Verschwörungen und Geheimwaffen versprechen – so sie solide recherchiert und gut lesbar geschrieben sind – dem herausgebenden Verlag starkes Leserinteresse wie auch satte Gewinne.

Zunächst ein prüfender Blick auf den Buchtitel. „Hitlers Bombe“ erinnert an Guido Knopp und seine Kommerzerfolge in Fernsehen und auf dem Büchermarkt mit den Überschriften „Hitlers Manager“, „Hitlers Helfer“, „Hitlers Frauen“, „Hitlers Ende“, „Hitlers Kinder“, „Hitlers Krieger“ und so weiter und so mehr. Im Fall Karlsch aber stimmt der „knoppisierte“ Titel nicht mit dem Inhalt und vor allem keinesfalls mit den historischen Tatsachen überein.

Eine zweifelsfreie Zersplitterung und ein relativ niedriger Stellenwert der Uranforschung in den Kriegsjahren im Vergleich mit den Alliierten belegen allein schon ausreichend, dass es mitnichten Hitlers Bombe war. Das Buch verdient dennoch sorgfältig und kritisch gelesen zu werden. Sein Autor hat immerhin vier Jahre lang gründlich recherchiert.

Die Leistung beginnt bei der Auswertung zahlreicher bisher unbekannter Dokumente aus russischen Archiven, aber auch zeitgenössischer Forschungsberichte, Konstruktionspläne, Luftbilder, Tagebücher beteiligter Wissenschaftler sowie russischer und amerikanischer Spionageberichte. Überdies erhält der Leser einen Einblick in das Schriftgut des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, in zahlreiche Akten des Heereswaffenamtes und anderer militärischer Dienststellen, in komplette Firmenarchive und vieles andere mehr.

Die Ergebnisse dieser Analysen lassen sich wohl in drei Punkten bündeln. Erstens war die deutsche Atombombe offenkundig niemals vergleichbar mit der amerikanischen. Ihre Zerstörungskraft lag nach Karlsch’s eigenen Angaben „weit unterhalb des Potentials der beiden amerikanischen Atombomben“. Nach seiner Ansicht verfügte das Deutsche Reich nicht über hoch angereichertes Uran als Kernsprengstoff in Menge und Konzentration.

Zweitens rekonstruiert der Buchautor mit einigem Neuigkeitswert und mit allerhand Details den internationalen Wettlauf in der Uranforschung. Es wird klar, dass im Unterschied zu den USA und zur Sowjetunion in Deutschland kein geschlossener Atomforschungskomplex entstanden war. Im Deutschen Reich arbeiteten damals etwa 100 Wissenschaftler an 19 verschiedenen Instituten. In den Vereinigten Staaten liefen bereits mehr als 30 Zyklotrone oder waren im Bau, in Deutschland noch keines.

Der Atomphysiker Werner Heisenberg bemerkte später: „Wir sahen eigentlich vom September 1941 an eine freie Straße zur Atombombe vor uns.“ Er war jedoch zugleich besorgt: „Wir alle spürten, dass wir uns auf ein hochgefährliches Gebiet gewagt hatten.“ Drittens belegt Rainer Karlsch den niedrigen Stellenwert des Uranprojektes in der deutschen Rüstungswirtschaft, zumindest bis zur Schlussphase des Krieges.

Ein neues Licht fällt bei diesem brisanten Thema auf die Gruppe um den Nobelpreisträger Werner Heisenberg. Karlsch richtet auf guter Materialbasis das Interesse vor allem auf die Forschungsgruppe um Kurt Diebner vom Heereswaffenamt. Er hatte nach dem Krieg einen recht zweifelhaften wissenschaftlichen Ruf, obwohl sein Reaktorkonzept dem Heisenbergs überlegen war.
Aber nicht alles in diesem Buch folgt einem solch seriösen Umgang mit Quellen und einer schlüssigen Auswertung. Exemplarisch sei der eingangs zitierte Testort Rügen genannt. Der italienische Journalist und Kriegsberichterstatter des „Corriere della Sera“ Romersa war gewisslich an jenem 12. Oktober 1944 auf dem militärischen Testgelände. Das hat Karlsch umfassend nachgeprüft und überzeugend nachgewiesen.

Romersas Beschreibung vergleicht das Geschehen mit einem echten Erdbeben, „so stark, dass es uns erschien, als ob es diesen kleinen Unterstand verschoben hätte. Wir sahen ganz klar einen Lichtblitz, ein gleißendes Licht, und danach entstand vor uns eine große Rauchwand.“

Auch der Bericht des Flakraketenspezialisten Rudolph Zinsser, der in einer Entfernung von zwölf bis fünfzehn Kilometern mit einer Heinkel 111 am Gelände vorbeigeflogen sein will, schildert nicht präzise und somit glaubwürdig die Waffenerprobung.
Verantwortungsbewusste und professionell arbeitende Historiker können bei der derzeitigen Quellenlage nur zu einem Ergebnis kommen: Auf dem Bug, der westlichsten Landzunge der Halbinsel Wittow auf Rügen, lassen sich weder durch kernphysikalische Analysen von Bodenproben noch durch Zeugenaussagen verlässliche Belege für einen Kernwaffentest erbringen.

Ähnliches gilt auch für den zweiten Testort bei Ohrdruf in Thüringen sowie die so genannte Hohlladungsbombe, eine angeblich alternative Lösung zu dem nicht ausreichenden spaltbaren Material. Wenn zwei Hohlladungen mit großer Geschwindigkeit aufeinander treffen, können Atomkerne verschmelzen und große Mengen an Energie freiwerden. Erich Schumann, Forschungschef des Heereswaffenamtes, hatte diese Idee bereits 1944 niedergeschrieben, Karlsch hat das im Schumannschen Nachlass entdeckt.

Explodierte die erste Atombombe auf dem Truppenübungsplatz im Herzen Thüringens oder auf Rügen oder in New Mexiko? Nein. Wir kennen heutzutage die historischen Fakten. Als der deutsche Chemiker Otto Hahn zusammen mit Fritz Straßmann im Dezember 1938 mit Uran-Atomen experimentierte, machte er eine sensationelle Entdeckung. Um das chemische Verhalten des Schwermetalls zu erforschen, beschoss er Uranplättchen mit Neutronen. Doch etwas Seltsames geschah: In der Uranprobe fanden sich Spuren des Elements Barium. Hahn deutete das Ergebnis so, dass die Urankerne zerplatzt und so die viel leichteren Barium-Atome entstanden sein müssen. Er hatte die Kernspaltung entdeckt.

In den USA wurde die Befürchtung, die Nazis könnten eine Atombombe bauen, zum Anlass genommen, selbst ein Atombombenprogramm zu entwickeln. 1941 bewilligte der amerikanische Präsident Roosevelt das Manhattan Engineering District Project. Der internationale Wettlauf um die „Monsterbombe“ hatte begonnen. Fieberhaft werkten Wissenschaftler und Techniker aus Deutschland, Großbritannien und Amerika an einer Atombombe.

In Deutschland rechnete sich die faschistische Führung ab 1944 eine kriegsentscheidende Wende mit dieser fürchterlichen Wunderwaffe aus. Es war ein spannendes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte, der Ausgang des dramatischen Rüstungswettlaufs jedoch ist hinlänglich bekannt.

Von 1943 an arbeiteten im Forschungslaboratorium in Los Alamos in New Mexico unter der Leitung von Robert Oppenheimer bis zu 160 000 Menschen für das Geheimprojekt, darunter Wissenschaftler aus aller Welt. Am 16. Juli 1945 wurde die erste Atombombe bei Alamogardo gezündet. Der so genannte Trinity-Test leitete eine neue Ära ein.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Deutschland bereits kapituliert. Das immer noch kriegführende Japan rückte stattdessen in den Blickpunkt der US-Strategen. Am 6. August 1945 warf die US-Luftwaffe eine Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima ab. Was folgte, war ein Inferno.

Die Nukleargeschichte muss also nicht umgeschrieben werden. Wahrhaftige Quellen und substantielle Zeugenaussagen fehlen als Belege für die beiden Kernwaffentests. Es wurde also weder auf dem Bug noch bei Ohrdruf Weltgeschichte geschrieben. Einen ernst zu nehmenden Wettlauf um die erste Atombombe hat es also nie gegeben. Viele Legenden ranken sich schon seit Jahrzehnten um die deutsche Kernforschung. Karlsch fügt eine neue hinzu, aber auch einige neue Erkenntnisse.

Besucherzähler

Heute 57

Insgesamt 2075474

Aktuell sind 14 Gäste und keine Mitglieder online

Kubik-Rubik Joomla! Extensions

Joomla templates by a4joomla