kernphysikalische Forschung einschaltete und die Wissenschaftler dabei abschirmte. Er bestätigt auch Bombentests auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen.

Welche Art von Bombe wurde getestet?

Es war keine große Atomexplosion, die hat es in Thüringen nicht gegeben. Es kam vermutlich nicht einmal zur Kernspaltung. Ich halte eine konventionelle Sprengladung, die mit spaltbarem Material oder Stoffen zur Kernfusion vermengt wurde, für die wahrscheinlichste Variante. Anders kann man kaum erklären, warum die Explosion so klein war. Der sowjetische Militärgeheimdienst sprach von einem Zerstörungsradius von bis zu 500 Metern. Das deckt sich auch mit den Beschreibungen von Himmlers Chefadjutant, der sagte: "Wir hatten nicht genug Spaltstoff. Wir wollten nur sehen, ob der Zünder funktioniert."

Gab es einen Plan, woher das spaltbare Material kommen sollte?

Den Deutschen standen mehrere Technologien zur Verfügung, um Uran anzureichern. Unter der Leitung des Erfinders Manfred von Ardenne wurde beispielsweise bei der Reichspost ein Verfahren entwickelt, das denjenigen der Amerikaner in technischer Hinsicht mindestens ebenbürtig war. Der Unterschied war nur, dass die Amerikaner 1 100 solcher Maschinen gebaut haben, von der jede acht Gramm Uran im Jahr anreichern konnte. In Deutschland gab es vielleicht fünf solcher Geräte. Den Deutschen fehlte die Zeit, um ihr Atomwaffenprogramm zu verwirklichen.

Ihre Thesen sind überraschend zurückhaltend.

Mehr steht im Buch aber nicht drin. Der Titel lautet ja nicht "Hitlers Atombombe", sondern "Hitlers Bombe". Damit wollte ich bewusst Dinge offen lassen. In einem Punkt muss ich mich aber korrigieren: Der Begriff "taktische Kernwaffe" war überzogen. In der nächsten Auflage muss ich da vorsichtiger formulieren und von einem Testprogramm sprechen.

Derzeit werden im Auftrag des ZDF Bodenproben aus Ohrdruf analysiert, um Spuren der Testexplosionen zu finden. Was erwarten Sie davon?

Bei diesen Analysen wird nicht viel herauskommen. Es sind ja nur Stichproben. Was fehlt, ist eine systematische Untersuchung des Truppenübungsplatzes. Dabei genügt es nicht, die Proben wie bisher nahe der Oberfläche zu nehmen. Man muss schon einen Meter tief graben. Solange das nicht geleistet wird, bleibt offen, woher etwa das gefundene Uran, Cäsium und Lithium stammen.

Heißt das, Sie verabschieden sich von dem Plan, Ihre historischen Studien mit naturwissenschaftlichen Ergebnissen zu stützen?

Nein, zu dieser Kombination der Disziplinen stehe ich unbedingt. Aber es war naiv anzunehmen, dass ich das als Einzelner schaffe. So ein Messprogramm kostet viel Zeit und vor allem sehr viel Geld. Es gibt eine Forschergruppe, die nun die Böden an verschiedenen Orten untersuchen will, wo kernphysikalische Experimente oder Atomreaktoren vermutet werden. Da ist noch viel zu tun, bevor man an die Öffentlichkeit geht. Aber es sind manche Überraschungen zu erwarten.

Erwarten Sie auch weitere historische Dokumente?

In russischen Archiven lagern noch viele Schätze. Ich habe zum Beispiel kürzlich einen Bericht des sowjetischen Munitionsministers Boris Vannikov aus dem Jahr 1946 erhalten. Vannikov hatte dafür Sorge zu tragen, dass aus Deutschland Labore, Anlagen und Wissenschaftler in die Sowjetunion gebracht werden, um dort den Aufbau des sowjetischen Atomprojekts zu beschleunigen. In dem Bericht ist von Kernwaffen und Atomgranaten die Rede, an denen deutsche Wissenschaftler geforscht haben. Das heißt nicht, dass die Deutschen fertig geworden sind. Aber sie haben daran gearbeitet. Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts zur Kernphysik der 40er- und 50er-Jahre könnte bald damit begonnen werden, die Archivbestände aufzuarbeiten - nicht nur in Russland, sondern beispielsweise auch in England, Österreich und Deutschland.

Aber die amerikanischen Archive bleiben für Sie tabu?

Die Unterlagen des Forschungszentrums in Los Alamos, wo die erste Atombombe gebaut wurde, sind noch immer gesperrt. Aber ich habe nun die Möglichkeit, amerikanischen Kollegen eine Liste mit Hinweisen zu geben, die dort im Archiv überprüft werden sollen. Dann können wir einiges noch genauer klären. Der amerikanische Autor Thomas Powers hat mir zum Beispiel Interviews mit Philip Morrison zugeschickt. Morrison hat bei dem Leiter des Bombenprojekts, Robert Oppenheimer, promoviert. Später war er dann für die Ausspionierung des deutschen Projekts zuständig. Ende 1944 erfuhr er, dass die Deutschen womöglich eine Kernwaffe getestet haben. Diese Berichte hat er sehr ernst genommen und veranlasst, dass der amerikanische Präsident nicht nach London fliegt, weil dort ein atomarer Angriff befürchtet werden müsse. Morrison hat dann, wie er sich erinnert, jeden Tag BBC gehört, um sich zu vergewissern, dass London noch steht. Die Angst war also da, und sie war, wie wir inzwischen wissen, nicht unbegründet.

Interview: Alexander Mäder

Wo die Nazis Uran anreichern wollten
In einem Bunker im brandenburgischen Bad Saarow standen 1945 mehrere Anlagen zur Anreicherung von waffenfähigem Uran. Sie sollten aus dem natürlich vorkommenden Uran das für Bomben benötigte Uran-235 von anderen Uran-Varianten (Isotopen) abtrennen.

Entworfen wurden die Anlagen von Manfred von Ardenne im Auftrag der Reichspost. Der Physiker leitete nach dem Krieg das sowjetische Institut für industrielle Isotopentrennung in Suchumi am Schwarzen Meer.


Der Autor des Buchs "Hitlers Bombe"
Rainer Karlsch (48) studierte und promovierte in den 80er-Jahren am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte der Berliner Humboldt-Universität. In den 90er-Jahren arbeitete er in der Historischen Kommission zu Berlin, an der Freien Universität Berlin und an der Humboldt- Universität. Derzeit ist Karlsch an der Technischen Universität Chemnitz tätig.

Karlsch ist Autor mehrere Bücher, in denen er sich mit den Reparationsleistungen der SBZ/DDR, der Geschichte der Ölindustrie und dem Uranerzbergbau im Erzgebirge befasst. Sein neues Buch "Hitlers Bombe" erschien im März bei der Deutschen Verlagsanstalt. Es kostet 24,90 Euro.

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