eine nukleare Hohlladungsgranate mit hoher Sprengkraft. Dabei nutzten die Naziphysiker die Fusion leichter Elemente zur Energiegewinnung - so wie es später, in viel größerem Ausmaß, die Atommächte bei den Wasserstoffbomben taten.

Karlsch hat dabei unter anderem zuvor nicht zugängliche Nachlässe ehemaliger Rüstungsforscher genutzt sowie russische Dokumente und Berichte des sowjetischen Atomministeriums. Als sehr wertvoll erwies sich dabei die Hinterlassenschaft zweier Männer: von Professor Erich Schumann, dem Leiter der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes (HWA). Und von Walther Trinks, dem Referatsleiter für Sprengphysik beim HWA. Die Familien der beiden Physiker hatten bisher die Nachlässe nicht für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In Moskau konnten sich Karlsch und der TV-Journalist Heiko Petermann Kopien von Dokumenten aus dem Atomministerium sichern - darunter auch Spionagemeldungen an Stalin über den Kernwaffenversuch in Thüringen vom März 1945.

Mark Walker, US-Historiker und Autor des Buches "Die Uranmaschine", meint, Karlsch habe "ein neues Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte gefunden". Manche Gruppen von Physikern hätten offensichtlich überhaupt keine Bedenken gehabt, bis zum Schluss zielstrebig an neuen Waffen zu forschen. Und dass die physikalische Gemeinschaft oder die Max-Planck-Gesellschaft nach dem Krieg so wenig Elan beim Aufarbeiten der Nazi-Vergangenheit hatten, erscheint so in einem neuen Licht. So war ein berühmter Wissenschaftler wie Walther Gerlach während des Krieges Leiter der physikalischen Kernwaffenforschung und in der Bundesrepublik dann Professor in München und sogar Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Zu den physikalischen Kenntnissen der Nazis meint Professor Friedwardt Winterberg, heute in den USA und in den 50er-Jahren am norddeutschen Atomforschungszentrum Geesthacht Mitarbeiter des führenden NS-Reaktor-und-Kernwaffenforschers Kurt Diebner: "Es handelte sich anscheinend um hybride Fission-Fusion-Bomben", auch Booster-Bomben genannt. Hier wird mit Hilfe von Fusionsreaktionen bei Lithiumdeuterid die Spaltung von schweren Elementen wie Uran oder Plutonium enorm beschleunigt. "Im Prinzip können Sie die kritische Masse an Spaltstoff bis auf 100 Gramm herabsetzen", so Winterberg. Und solche Mengen standen 1945 durchaus zur Verfügung.

Karlsch beschreibt in seinem klar gegliederten Buch die Ergebnisse der jahrelangen Recherchen. Er gibt seine Quellen umfangreich an, diverse Schwarzweiß-Fotos aus der Zeit zeigen die wichtigsten Protagonisten und einige Versuchsaufbauten. Was will man mehr? Dass demnächst noch die wissenschaftlichen Messungen ermöglicht werden, die näheren Aufschluss über die Kernwaffenversuche der Nazis geben. Und dass weitere Nachlässe für die Forschung geöffnet werden.

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