ans 235 nicht zur Verfügung stand. Vielleicht aber war es eine nach dem Hohlladungsprinzip gezündete kleine "Atomgranate" (Karlsch in einem Interview), vermutlich vom Typ einer Neutronenwaffe. Weitere Untersuchungen seien notwendig, dies der einhellige Tenor der Fachleute. Wie es zu der Explosion vom 3. März 1945 kam oder kommen konnte, ist der eigentliche Inhalt dieses Buches - umständlich, langatmig, aber nicht unlogisch erzählt, ein mixtum compositum aus harten Quellen, physikalischen Untersuchungen, klugen Überlegungen, gewagten Spekulationen und bloßen ondits, die 60 Jahre später in den Legendenschatz zur Geschichte des "Dritten Reiches" vorzüglich passen. Karlsch hat ein verdienstvolles Buch geschrieben - es ließe sich unschwer unter die kontrafaktische Geschichtsschreibung einordnen. Oder die der Science-fiction. Was wäre, wenn . . . Das ist eine legitime historische Frage.

Daß Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, auch Harteck weder Heroen noch Schurken waren, ist nicht neu. Neu ist, daß Gerlach, Trinks, Ardenne und ein paar andere viel tiefer in die atomare Bombenplanung verstrickt waren, als sie nach dem Krieg glauben machen wollten. Sensationell wirkt die Behauptung, Kriegsmarine wie Reichspost hätten ihr jeweils eigenes atomares Süppchen gekocht - wovon zumindest in den großteils erhalten gebliebenen Akten der Seekriegsleitung mit keinem Wort die Rede ist, geschweige denn, daß die Protagonisten mit den Admiralen Rhein und Witzell an der Spitze je darüber geschrieben hätten. Gesprochen auch nicht: Karlsch behauptet, bei dem Gespräch zwischen Hitler und Dönitz am 14. Oktober 1944 sei es vermutlich um den Rügen-Versuch gegangen, es gebe keine Aufzeichnungen. Doch, die gibt es, und aus denen geht hervor, daß die beiden über viele aktuelle Probleme der Kriegführung miteinander gesprochen haben - nicht aber über irgendwelche atomaren.

In der Propaganda war das ganz anders; Heinrich Bodensieck hat schon 1998 nachweisen können, wie die Propaganda beider Seiten mit dem Wort "Atombombe" jonglierte. Am 5. Oktober 1944 berichtete die deutschsprachige Version des "Exchange"-Telegraphen, bei der "V 3" handele es sich um eine "Atombombe". Von deren Existenz war schon am 14. Oktober 1941 in der "Daily Mail" die Rede gewesen - kurz und gut: es läßt sich belegen, daß die ominöse deutsche Atombombe fast von Kriegsbeginn an zum Propagandaarsenal gehörte - auch auf der Gegnerseite, die damit ihr eigenes Atomprogramm rechtfertigen konnte.

Es ist zugegebenermaßen sehr schwierig, die Propagandastrategie von der Wirklichkeit zu trennen. Karlsch bemüht sich auch nicht, den internationalen Diskurs um die Nuklearfrage über die bekannten Unterredungen zwischen Niels Bohr und Heisenberg in Kopenhagen mit zu berücksichtigen, und C. F. von Weizsäckers vage Skizze aus dem Jahr 1941 für den Bau einer "Plutoniumbombe", als Patententwurf technisch unbrauchbar, ist alles andere als sensationell: Ideen zur Kernfusion geisterten schon seit vierzig Jahren durch die Gazetten und lösten, nicht zuletzt via Hans Dominik, wohliges Schauern aus - wie übrigens auch die Vorstellung vom atomaren "Weltenbrand", von dem Karlsch behauptet, er habe selbst Hitler geplagt.

Bemerkenswert ist die Neubewertung von Kurt Diebner: Obwohl nahezu alle Koryphäen der deutschen Atomphysik in ihm nur einen der vielen atomaren dei minores sahen, einen NS-kompromittierten dazu, kann Karlsch plausibel machen, daß es gerade Diebner war, der auf einem Nebenweg die deutsche Atombombenforschung weiter trieb, als sich das die Herren des nuklearen deutschen Olymps im "Uranverein" vorstellen konnten. Aber ganz neu ist auch das nicht: Schon Erich Bagge hat darauf hingewiesen und im persönlichen Gespräch mit dem Rezensenten nie ein Hehl daraus gemacht, daß Diebner, nicht Heisenberg, auf dem richtigeren Weg war. Die Neutronenvermehrung vom 23. Juni 1942 in Leipzig als erste Kettenreaktion zu deklarieren und Fermi damit in die zweite Reihe zu verweisen ist allerdings mehr als gewagt - zumal der Versuch in einem Desaster endete, dem die beteiligten Wissenschaftler nur knapp entkamen.

Das Buch unterstreicht eindringlich und vom Autor völlig unbeabsichtigt die These, nach der das NS-Regime strukturell unfähig war, ein technisches Großprojekt unter den Anforderungen der Moderne - und zwar auf allen Ebenen - voranzutreiben. Während am Manhattan-Projekt 160 000 Physiker und Fachleute beteiligt waren, bastelten (was man buchstäblich nehmen kann) eine Handvoll deutscher Physiker an den verschiedensten Orten und unter den abenteuerlichsten Bedingungen daran, "Hitlers Bombe" möglich zu machen. Es kann in der Tat keine Rede davon sein, daß die Hauptbeteiligten aus ethischen Gründen genau dies zu verhindern gesucht hätten. Später haben die meisten wohl schlechten Gewissens die "Göttinger Erklärung" unterschrieben. Einer nicht: Kurt Diebner.

MICHAEL SALEWSKI

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