von Klaus Reinhold – Chronik Arnstadt (704 – 2000)Teil III
Höhepunkte der Stadtgeschichte und sonderbare Begebenheiten

Abschnitt: Was am 12.4.1945 wirklich geschah, Seite 221

1945
Am 12.4.1945 kamen in der Siemenssiedlung 6 dort wohnende Betriebsangehörige von „Siemens & Halske“ ums Leben, das Haus Privatstraße Nr.4 wurde vernichtet. Was war nun wirklich geschehen? Im Jahre 1937 wurde das Werk „Siemens & Halske“, Bierweg 6 (das spätere RFT), errichtet. Um die fehlenden Arbeitskräfte während des Krieges auszugleichen, wurden Fremdarbeiter zur Arbeit zwangsverpflichtet.

Siemens hatte für seine Arbeiter und Ingenieure eine eigene Siedlung errichten lassen. Betriebsführer 1943 war Pg. Kehl (Anfang November 1943). Die Unterbringung der Zwangsarbeiter erfolgte in Baracken. Eine der Barackenaufseherinnen war Frau oder Fräulein Dauge (oder Tauge), die für ihre Brutalität bekannt war. Nach dem Einmarsch der Amerikaner suchten die Fremdarbeiter natürlich nach ihr, sicher um sich für die Behandlung vor ihrer Heimreise zu bedanken. Die Beamten von Siemens & Halske hielten sie aber versteckt.

So kam es am Abend des 12.4.1945 zu einem Tumult. In der Siemenssiedlung, Privatstraße Nr.4, erschienen gegen 19.30 Uhr (zum Teil angetrunkene) Fremdarbeiter, wahrscheinlich Russen und Polen, die von den Siedlungsarbeitern eine Auskunft über den Verbleib von Frl. Dauge (oder Tauge) verlangten. 8 der Siedlungsbewohner verließen daraufhin ihre Häuser und es kam zu einer Aussprache, die sich nach und nach zu einem Tumult aufschaukelte. Als sich einer der Bewohner entfernen wollte, fiel von Seiten der Fremdarbeiter ein Schuß. Der Siedler Versandabteilungsvorsteher Paul Meyer (* 8.1.1905 in Berlin-Spandau) brach tot zusammen. Beim Eintreffen der amerikanischen Besatzer mußten sich die übrigen 7 Siedler mit erhobenen Händen vor das Wohnhaus des Ingenieurs Ernst (nicht Hans, wie in anderer Quelle zu lesen) Pieh (* 24.12.1909 in Marburg) stellen. 5 von ihnen, technischer Kalkulator Hans Wieberneit (* 7.4.1905 in Berlin-Reinickendorf), Betriebsingenieur Arno Bauer (* 14.10.1907 in Berlin-Charlottenburg), Abteilungsleiter Gerhard Bruhn (* 27.7.1907 in Colozio / Italien), Prüffeldleiter Kurt Hauser (* 21.10.1896 in Berlin), Ernst (nicht Hans) Pieh wurden von den Amerikanern durch MG-Feuer niedergestreckt. Vier der Ingenieure waren sofort tot. Einer von ihnen, der nur verwundet wurde, versuchte zu entkommen und versteckte sich in der Nähe des Hauses Pieh. Die Amerikaner setzten daraufhin noch etwa 2 Stunden lang das Feuer fort. Dabei wurden u. a. Leuchtspurmunition und Handgranaten eingesetzt. Das Haus ging in Flammen auf. Am nächsten Tag, dem 13.4., wurden die Getöteten auf einem offenen Leiterwagen übereinandergelegt und weggefahren. Wohin, ist nicht bekannt.

Am Nachmittag des 13.4.1945 kam es auf der Straße vor dem Siemenswerkgelände zu einem Gespräch zwischen dem damaligen Direktor des Siemenswerkes und einem amerikanischen Offizier (wahrscheinlich Major Watson) sowie der Ehefrau des getöteten Paul Meyer, wobei folgendes herauskam: In der amerikanischen Kampftruppe waren viele Soldaten russischer und polnischer Abstammung. Diese hatten von den in den Lagern auf dem Rudislebener Rasen und am Bierweg untergebrachten Zwangsarbeitern erfahren, daß sich auch die als sehr brutal bekannte deutsche Lagercheffin in einem der Häuser der Siemenssiedlung versteckt halte. Allerdings war die Gesuchte, wie es sich herausstellte, zu diesem Zeitpunkt schon verschwunden. Es wurde auch behauptet, daß eine deutsche Frau zuerst geschossen haben soll. Als weitere Maßnahme wurde die sofortige Räumung der 6 Häuser der Siemenssiedlung festgelegt. Die leerstehenden Häuser wurden nun weitestgehend ausgeplündert und demoliert, die Möbel stark beschädigt.

Die Trauerfeier für die 6 Getöteten fand in der Trauerhalle auf dem Arnstädter Friedhof statt. Dort standen 6 Gasmaskenhülsen auf dem Fußboden, die als Urnen dienten und angeblich die Asche der Männer enthielten.

Quelle: Chronik Arnstadt