Arnstadt: EINEM GERÜCHT AUF DER SPUR – Anlagen aus dem 3. Reich? – vom 20.08.2004

Quelle: Arnstädter Stadtecho – August 2004

EINEM GERÜCHT AUF DER SPUR
Anlagen aus dem 3. Reich?

Ein Zelt, doppelte Bauzäune, Aussagen und Widersprüchliches mischen sich auf dem Gelände der alten Firma Boll Ichtershäuser Straße 49. Auf der vielbefahrenen B 4 staut sich vor der Toreinfahrt des früheren VEB Bitumen mitunter der Verkehr. Riesige LKW’s wollen dann in das Firmengelände der alten Firma Heinrich Boll & Sohn einbiegen oder es verlassen. Die Riesenkipper bringen neues Erdreich oder schaffen altes Erdreich weg. Seit November vorigen Jahres ist die Firma GbR Becker/ Daldrup dabei, den hier in weiten Teilen stark konterminierten Boden auszutauschen. Der Dreck früherer Jahrzehnte birgt nach Ansicht einiger Heimatfreunde auch brisante Informationen. Manche meinen gar, mit den großen Baufahrzeugen werden diese auch mit abtransportiert.

Ein Blick zurück: Johann Heinrich Boll, geboren in Wichdorf, Kr. Fritzlar, gründet 1876 am Arnstädter Kupferrasen eine Teer- und Dachpappenfabrik, eröffnet ein Dachdeckergeschäft und engagiert sich sehr für seine neue Heimatstadt. Der Betrieb wird 1877 ins Handelsregister eingetragen und 1889 an die Riedmauer 6 verlegt, erst 1900 zieht die Firma an den Mühlweg 2a, dem heutigen Gelände an der Ichtershäuser Straße. Seither wurden hier Teer- und Bitumenerzeugnisse hergestellt, eine Steinkohlenteer-Großdestillation arbeitet schon ab 1901. Die Söhne traten das Erbe ihrer Eltern an, einer der letzten Boll’s – Urenkel Joachim Boll – leitete das Unternehmen über viele Jahre bis über die Enteignung hinaus. 1972 wurde aus Heinrich Boll & Sohn der VEB Bitumen. Verarbeitet wurden hier noch bis zur Wende eine Menge gesundheitsschädigender Stoffe, allen voran Schiefermehl und Asbest, vor allem aber auch Paraffine, Teere, Benzine und Benzole. Über Jahrzehnte gelangten vor allem diese Schadstoffe ins Erdreich. Doch ob in die Tiefen dieses Erdreiches noch mehr gelangte, auf dass man beim Austausch des Bodens (immerhin bis zu sieben Meter) stoßen könnte, ist nach wie vor ungewiss.

Nur Gerüchte?
Martin Stade, vielen unserer Leser als Hobbyforscher in Sachen Jonastal und Buchautor bekannt, schwört Stein und Bein, dass nach seinen Erkenntnissen hier in unmittelbarer Nähe in einer solchen Tiefe Produktionsanlagen im Dritten Reich entstanden, die unter anderem auch Verbindungen bis hinein ins RFT (ehemals Siemens & Halske) haben sollen. „Nach meinen Recherchen müssen sich hier vier Produktionsanlagen im Gebiet des nördlichen Bierweges befinden, die unter einer Tiefe von sieben Metern angelegt wurden. Hergestellt wurden Antriebsaggregate für die Messerschmitt 112 von französischen Facharbeitern, die gut bezahlt und versorgt wurden, so dass sie ihre Familien in Frankreich sogar unterstützen konnten. Die Produktionsstätten wurden durch zwei Schächte versorgt, die sich unmittelbar an der Bahnlinie der Ichtershäuser Strecke befanden. Dort wurden auch die fertigen Aggregate verladen und zum Arnstädter Güterbahnhof transportiert. Dort verschwanden sie in einem weiteren Schacht in unmittelbarer Nähe der Rehestädter Straße“. Stade bezieht sich dabei in erster Linie auf Zeitzeugenaussagen, was nicht weiter verwundert, da die Verantwortlichen kaum Dokumente in der Öffentlichkeit hinterließen bzw. diese zum Kriegsende einlagerten und sicherten. Für Bauleiter Detlef Schmeichel sind die Gerüchte nicht neu.

Alles Unsinn!
„Erzählt wird viel Unsinn, angeblich sollen wir hier sogar Flugzeugteile in Sicherheit gebracht haben. Alles nur Gerüchte, da können Sie jeden Arbeiter hier fragen“, sagt er. Auch Heinrich Becker, geschäftsführender Gesellschafter der Heinrich Becker GmbH – Umweltschutz – Industrieservice – zeigt sich erstaunt. „Das gesamte Gelände ist derart stark konterminiert, dass die Aufgabe selbst für unsere Profis eine ökologische Herkulesaufgabe ist“. Gemeinsam mit Josef Baldrup erwarb er das Grundstück, um nach der Sanierung, welche durch das Land Thüringen mit ca. 7 Millionen Euro gefördert wird, hier zu investieren, Arbeitsplätze zu schaffen. Inzwischen sind in seiner Baufirma schon 18 Personen mit dem Austausch des Bodens beschäftigt. Der Anfang ist gemacht. Das Gelände – so haben die Experten durch verschiedene Gutachten eindeutig festgestellt – ist hochgradig und flächendeckend, besonders stark in der Nähe des Mühlweges kontaminiert, die Reinigung des Grundwassers wird noch Monate bis Ende nächsten Jahres in Anspruch nehmen. Auf Grundwasser stieß man bei 3 Metern, die erste tonführende Schicht liegt bei 6,50 bis 7 Metern, so tief wurden die Spundzäune eingetrieben, das Grundwasser ausgepumpt, der Boden ausgebaggert und ausgetauscht.

Die Geruchsbelästigungen waren bis zum Baumarkt „Hellweg“ vernehmbar, ganz zu schweigen vom Nachbarn Nicky Schellhorn, der hier seit vielen Jahrzehnten die traditionsreiche Weinkelterei seiner Altvorderen betreibt. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie das hier gestunken hat. Deshalb bin ich sehr froh, dass im Frühjahr ein Zelt über der Baugrube aufgestellt wurde, das minderte die Geruchsbelästigung erheblich“, so Schellhorn. Mit dem Aufstellen des Zeltes begann die Gerüchteküche erst richtig zu brodeln. Der Bauzäun ist tatsächlich ziemlich dicht, nur an einigen wenigen Stellen überhaupt einzusehen. „Eine ganz normale Baustellensicherung“, versichert Schmeichel und ergänzt: „Wir hatten hier leider auch ungebetene Gäste. Benzin- und Dieselklau, Baumaschinen – das kann man heute nicht ungesichert stehen lassen. So schnell können Sie gar nicht gucken, wie manche Gauner Baustellen abräumen. Das Zelt kostet eine immense Summe, da können wir uns keinen Leichtsinn leisten. Darum haben wir auch einen privaten Wachschutz engagiert, der unregelmäßig kontrolliert. Wenn dadurch Gerüchte oder Geheimnisse in die Baustelle hinein interpretiert werden, dann können wir das nicht ändern“.

ERKLÄRUNG
Die GbR Becker / Daldrup, die zurzeit das Grundstück an der Ichtershäuser Straße in Arnstadt saniert, stellt fest:
1. Bei den Sanierungsarbeiten sind keine Reste von Produktionsanlagen aus der Nazizeit gefunden worden. Es gibt auch keine Hinweise auf Bunker oder andere Bauwerke, die auf derartige Anlagen aus dem „Dritten Reich“ schließen lassen.
2. Der Aushub von Erdreich unter einem Zelt erfolgt ausschließlich zur weitgehenden Vermeidung von Geruchs- und Staubbelästigung der Nachbarschaft.
3. Sollte die Bauleitung irgendwelche „Entdeckungen“ bei der Sanierung des Grundstückes machen, die auf Anlagen aus dem Zweiten Weltkrieg hinweisen, wird sie diese umgehend den zuständigen Behörden melden.
4. Die Sanierungsarbeiten wurden von Beginn an regelmäßig von staatlichen Aufsichtsstellen kontrolliert. Sie nehmen Bodenproben, ermitteln die Stärke der Bodenbelastungen und begleiten die Aktivitäten auf der Baustelle.

„Ich war drin!“
Trotzdem: Anfang Juli erhielten wir in unserer Redaktion eine Zeugenaussage, Name der Redaktion bekannt, dass er im Zelt war, aus einem Schacht Gegenstände heraus geholt hätte. Daraufhin setzten wir uns mit der Bauleitung in Verbindung. Eine Überprüfung allerdings ist nicht mehr möglich. Wochen vergingen, Bauleiter Detlef Schmeichel ging in Urlaub. Unser Termin am 12. August wurde noch einmal um zwei Stunden verschoben. Eine Beratung beim Thüringer Umweltamt kam dazwischen, zwei Stunden später staunen Heinrich Becker, Kai Schirmer von der Geschäftsführung und Dr. Matthias Lotin von der Bauoberleitung kopfschüttelnd, als sie mit dieser Aussage konfrontiert werden.

Nichts Mysteriöses.
„Wenn wir hier auf irgend etwas Mysteriöses gestoßen wären, wäre uns gar nichts anders übrig geblieben, als die zuständigen Stellen zu informieren. Außerdem können wir hier gar nicht geheim arbeiten. Dazu kommen noch eine Menge Instanzen und Behörden, die unsere Arbeiten ständig kontrollieren, da ist es schon ziemlich ausgeschlossen, dass man ein paar Bunker wirklich geheim halten könnte!“ Aufgrund der geologischen Gegebenheiten sieht Baufachmann Schmeichel ohnehin eine Menge Schwierigkeiten für den Bau unterirdischer Anlagen. „Bedenkt man, dass man beim Bau einer unterirdischen Anlage große Probleme mit dem Grundwasser oder aber mit der Tiefe von über 20 Metern bekommt, ist es für mich schwer vorstellbar, dass man den Bau solcher Anlagen über Jahre hätte geheim halten können“. Unter dem Zelt, welches versetzt wird, hält sich noch immer der Geruch von Teer und Benzin. Hartnäckig wie das Gerücht. Die Arbeiten stört das nicht, auch wenn Nachbarn bestätigen, dass in der Nacht öfters Blitze zu sehen sind. Blitze von Fotoapparaten. Sensationstourismus sagt man auf der Baustelle. Martin Stade winkt ab. „Schon zum Tag der offenen Tür am 30. April haben sie mich nicht ins Zelt gelassen. Man hat abgeriegelt.“ Schmeichel sieht das gelassen. „Wir haben nichts zu verbergen, aus Sicherheitsgründen konnten wir Stade mit seiner Zigarre damals zunächst nicht rein lassen. Nachdem er aufgeraucht hatte, konnte er auch rein. Dort hatten wir einen sogenannten Pumpensumpfschacht angelegt, um das Grundwasser zu senken. Alles normal.“ Doch ganz aus der Welt werden sich die Gerüchte nicht schaffen lassen.

Alte Aussagen -neue Gerüchte?
Denn neben den Erkenntnissen von Martin Stade gibt es auch Zeugenaussagen wie jene von Dieter Veitsdorf, Beamter der Deutschen Reichsbahn. Seine Aussage wurde 1962 im Turmzimmer der Wachsenburg anlässlich einer Befragung von DDR-Sicherheitsorganen so
protokolliert: „Ja, ich war damals Beamter der Deutschen Reichsbahn mit dem Dienstort Erfurt und der Dienststelle Bahnhof Arnstadt Nord. Dort war ich für die Sonderfrachten und Sonderzüge verantwortlich, die mir vom Bahnhof Arnstadt Haupt übergeben worden sind. Allerdings gab es zu den Frachten und Zügen keine Begleitschreiben. So war es für uns manchmal sehr schwer, diese Waggons an die richtigen Firmen auszuliefern. Diese Firmen waren: Polte l und Polte II, Siemenswerk, Eisenwerk Winter, Bollwerk, Stoffwerk Wagner, Flugzeugwerk, Mägdenmühle Tischlerei, Versuchswerk hinter der Polte II und die Sonderwerke von Siemens. …was in den Kisten war, habe ich nie erfahren, auch nicht aus Aufschriften, da es nur nach Zahlen ging. So waren die Waren zum Sonderwerk hinter der Polte II immer mit der Bezeichnung 123 Grad und die für das Flugzeugwerk mit 127 Grad versehen. Wie gesagt, ich bin Reichsbahner, mich hat der Inhalt der Sendungen nicht zu interessieren. …So hat es mich auch nicht bewegt, wenn die SS auf manchen Waggons mitgefahren ist. Diese Lieferungen waren dann auch meist für die Poltewerke, Sonderwerk oder für bestimmte Personen. …Die SS hatte auf unserem Bahnhof (Bahnhof Nord-Anmk.) eine eigene Unterkunft, welche wir nie betreten durften. Die Transportscheine für die Waggons gingen nicht über uns, sie wurden von den Werken direkt zum Hauptbahnhof gebracht. „

Wenig Antworten
Soweit einige Auszüge. Wo aber befand sich das Flugzeugwerk und das Sonderwerk? Es muss in unmittelbarer Nähe der Eisenbahnstrecke gelegen sein, ansonsten würde es sicher keinen Sinn machen. Und was wurde zu den Bollwerken – die ja nur Teerpappe und Teerprodukte produzierten – wirklich gebracht? Oder hat auch Veitsdorf vor der DDR-Untersuchungskommission Märchen erzählt? Davon ist wohl kaum auszugehen. Joachim Boll selbst war zu keiner Stellungnahme zu bewegen, ihn irritierte schon, dass man die Angaben zu seiner Familie in der Arnstädter Chronik ohne sein Wissen veröffentlicht hatte.