Basteln an Hitlers Bombe – vom 13.03.2005

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13. März 2005, Nr. 10, S. 69 f.

Basteln an Hitlers Bombe

Wie nahe waren die Deutschen an der Atombombe? Der Historiker Rainer Karlsch hat in eine besonders dunkle Ecke der Geschichte der Kernforschung geleuchtet. Er stieß auf überraschende Dokumente. Deutet er sie auch richtig?

VON ULF VON RAUCHHAUPT

Außergewöhnliche Behauptungen verlangen außergewöhnliche Beweise. Mit diesem Grund-satz versuchte der amerikanische Astronom Carl Sagan einst ein heikles Problem forschungs-logisch in den Griff zu bekommen: Sagan war einerseits ein angesehener Wissenschaftler (und wollte das auch bleiben), interessierte sich aber andererseits brennend für mögliche Ra-diosignale außerirdischer Lebewesen. Kein Signal, so Sagan, dürfe aber als echt gelten, das sich auch weniger spektakulär interpretieren läßt.

Ein laufender Kernreaktor im Dritten Reich, ein Kernwaffentest der SS – so etwas hat für nüchterne Zeitgenossen durchaus den Rang kleiner grüner Männchen. Dies um so mehr, als die Wunderwaffen-Propaganda des Hitlerreiches bis heute in einer Art Nazi-Esoterik nach-wirkt, die munter über unterirdische SS-Labors, fliegende Untertassen mit Hakenkreuz-Emblemen oder eben deutsche Atombomben schwadroniert.

Damit möchte Rainer Karlsch sicher nichts zu tun haben. Der Berliner Privatgelehrte ist immerhin ein anerkannter Wirtschaftshistoriker. Dennoch war es wohl kaum zu vermeiden, daß die Ankündigung seines Buches „Hitlers Bombe“, das bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen ist und morgen in den Handel kommt, teilweise heftige Entrüstung aus-löste. Dabei ist der Titel irreführend. Karlsch behauptet an keiner Stelle, das Dritte Reich hätte das Rennen um die Nutzung der Kernspaltung doch gewonnen oder die Wehrmacht habe über eine Kernwaffe verfügt. Er sagt nicht, daß es „Hitlers Bombe“ gab. Er sagt nur, daß an ihr gebastelt wurde. Aber schon das ist starker Tobak.

Nun geht Karlsch noch ein Stück weiter, indem er behauptet, jene Bastelei sei erschreckend weit gediehen gewesen. Demnach wurde um die Jahreswende 1944/45 im Dorf Got-tow bei Kummersdorf südlich von Berlin ein Kernreaktor zum Laufen gebracht. Außerdem habe es Anstrengungen gegeben, Fusionsreaktionen – wie sie in Wasserstoffbombenexplosi-onen stattfinden und dort mit Atombomben gezündet werden – durch sogenannte Hohlladungen auszulösen. Das sind speziell geformte konventionelle Sprengladungen, wie sie et-wa in einer Panzerfaust verwendet werden. Schließlich seien im Oktober 1994 auf Rügen und im März 1945 auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen Explosionen gezündet worden, bei denen zumindest in einem Fall Kernenergie frei wurde. Dabei sollen Hunderte ums Leben gekommen sein.

All dies steht ziemlich quer zu dem, was man bis dato über die Kernforschung im Hitler-reich zu wissen glaubte. Das hört sich so an: In dem Land, in dem Otto Hahn 1938 die Kern-spaltung entdeckt hatte, arbeitete man zwar an einem Reaktor, brachte ihn aber nie so weit, daß er „kritisch“ wurde, daß also eine selbsterhaltende Kettenreaktion zustande kam. Die Idee, noch zu Kriegszeiten eine Kernwaffe zu entwickeln, habe man bald beerdigt. Niemand habe ernsthaft eine Bombe bauen wollen.
Wirklich nicht? „So ein Schmarrn“ – dieser oder ähnliche Ausrufe dürften so ziemlich je-dem entfahren sein, der in den letzten Wochen von Rainer Karlschs Buch hörte. Und es ist keineswegs so, daß dieser Eindruck bei der Lektüre sofort verfliegt. Wer mit einschlägigen Verschwörungstheorien vertraut ist, trifft im Buch auf gute Bekannte: Auch in der Nazi-Esoterik kursieren Ohrdruf und die Ostsee als Schauplätze von Atomwaffentests der SS. Und etliche der von Karlsch zitierten Augenzeugen kamen schon in so manch halbseidenem Werk zu Worte. Das gilt insbesondere für die Passagen, wo von angeblichen Tests auf Rügen die Rede ist und Karlsch den anerkannt fragwürdigen Erinnerungen des italienischen Jour-nalisten Luigi Romersa breiten Raum gibt.

Abseits der Rügen-Episode kann Karlsch allerdings auch etliche Indizien aus sauberen Quellen beibringen. Besonders interessant, zuweilen geradezu sensationell, sind Dokumente aus bislang unzugänglichen russischen Archiven. Von manchen dieser Akten ahnten die Historiker etwas – beispielsweise von einer Patentanmeldung Carl Friedrich von Weizsä-ckers aus dem Jahr 1911, in der zum ersten Mal das Prinzip einer Plutoniumbombe beschrieben ist. Andere werfen ein neues Licht auf die kernphysikalischen Aktivitäten im Dritten Reich. Diese Dokumente ausgegraben zu haben ist mit Sicherheit ein Verdienst, mit dem Rainer Karlsch ohne weiteres ein gutes, vielleicht sogar auch ein gut verkäufliches Buch hätte schreiben können.
Geschrieben hat er aber „Hitlers Bombe“. Und die Frage, die er sich jetzt gefallen lassen muß, lautet: Haben seine neuen Indizien die Qualität außergewöhnlicher Beweise für die vorgebrachten Thesen?

Im Moment kann das am ehesten Mark Walker beurteilen – auch, weil er einer der weni-gen Historiker ist, die das Buch bisher ganz lesen konnten. Walker ist Professor am Union College in Schenectady, New York, und hat mit seiner Dissertation, die auf deutsch 1992 unter dem Titel „Die Uranmaschine“ herauskam, das maßgebliche Werk zum Thema vorgelegt. Im Mittelpunkt stehen die Physiker um Werner Heisenberg, was viel mit der Datenlage zu tun hatte: Heisenberg war der prominenteste deutsche Physiker, der nicht vor den Nazis geflohen war, und einer der besten Theoretiker seiner Zeit. Für die Sieger war er der Kopf der deutschen Kernforschung, sein letztes Reaktorlabor im württembergischen Haigerloch fiel 1945 den Amerikanern in die Hände.

Bei Rainer Karlsch geht es aber nicht um Heisenberg, sondern um Aktivitäten, von denen dieser wohl kaum etwas wußte. Und was der Berliner da herausgefunden hat, beeindruckt Walker: „Karlsch hat eine neues Kapitel der Geschichte der Kernwaffenforschung im Dritten Reich geschrieben.“ So kann Karlsch klar belegen, daß auch andere, bisher als randständig angesehene Gruppen handfeste Kernforschung betrieben und daß eine davon deutlich weiter kam, als man bisher dachte: die Physiker der Heeresversuchsanstalt in Gottow unter der Leitung von Kurt Diebner.

An der wissenschaftlichen Qualifikation der Diebner-Truppe ließen die meisten anderen deutschen Kernphysiker nach dem Krieg kein gutes Haar. „Die haben da im Oberlaborantenstil herumexperimentiert“, sagt noch heute Ulrich Schmidt-Rohr, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg. Andererseits ist schon län-ger bekannt, daß Diebners Reaktoranordnung in Gottow besser lief als die Heisenbergs und daß dieser nur zögerlich auf Diebners Konzept umschwenkte. Ein Brief, den Karlsch in Moskau fand, zeigt, daß Diebner noch im November 1994 erfolgreich experimentierte und seine Versuche mitnichten schon im Frühjahr 1994 einstellte, wie man bisher dachte.

Auch die Ereignisse im thüringischen Ohrdruf im März 1945, von denen es bislang nur Augenzeugenberichte mit, gelinde gesagt, fragwürdigem Quellenwert gab, werden nun schriftlich greifbarer – vor allem durch einen sowjetischen Geheimdienstbericht vom 23. März 1945, der von zwei starken Explosionen in Thüringen erzählt, bei denen Kriegsgefan-gene umkamen. „Entwicklung hoher Temperaturen“ sowie „ein starker radioaktiver Effekt“ seien beobachtet worden.

Neues Material fand Karlsch auch über die historiographisch bisher reichlich unterbelich-teten Aktivitäten im Bereich hohlladungsgezündeter Kernfusion. „Hier hat Karlsch etwas gefunden, was mir vorher fast völlig unbekannt war“, sagt Walker, den es nicht stört, daß eine Hauptquelle dafür erst nach dem Krieg von einem Herrn aufgezeichnet wurde, von dem seine Forscherkollegen ähnlich wenig hielten wie von Diebner: vom Forschungschef des Heereswaffenamtes, Erich Schumann. „Der war politisch skrupellos, aber ein hervorragender Organisator“, sagt Mark Walker. Daß er und Diebner nach dem Krieg so lächerlich gemacht wurden, war nach Ansicht Walkers Teil einer wohlüberlegten Strategie, die deut-schen Kernphysiker säuberlich in zweitklassige Naziforscher und fähige, aber unpolitische Wissenschaftler zu unterteilen.

Einer, der immer klar der zweiten Kategorien zugerechnet wurde, war Walther Gerlach. Der Münchner Ordinarius war seit 1944 offizieller Leiter der deutschen Kernforschung. Als bloßer Koordinator war er für die Historiker bislang keine zentrale Figur. Karlsch zeigt nun, in welch heftige Aktivität Gerlach in den letzten Kriegsmonaten verfiel. Sollten die viele Reisen sowie Treffen mit Vertretern von Militär und SS einzig den Sinn gehabt haben, dem Regime etwas vorzugaukeln, um die Physiker von dem Fronteinsatz zu bewahren? Das Netz der Indizien, das Karlsch mit Hilfe der neuen Dokumente knüpft, weist eher darauf hin, daß Gerlach sich deutlich mehr für Waffenentwicklung interessierte und seine Aufgabe in der Dämmerung des Dritten Reiches engagierter und effektiver wahrnahm, als bisher vermutet wurde.

Die Frage, ob die Bemühungen Diebners, Gerlachs und anderer einer kerntechnischen Waffe galten, beantwortet Karlsch mit einem klaren „Ja“. Unter der Ägide der SS gab es im letzten Kriegsdrittel so etwas wie ein deutsches Kernwaffenprogramm. Das ist, wie gesagt, eine außergewöhnliche Behauptung. Aber nicht nur Mark Walker akzeptiert das vorge-brachte Beweismaterial. „Es haben offenbar viele Leute an einer Atombombe gebastelt“, sagt auch Dieter Hoffmann vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Hoffmann hat die Abhörprotokolle herausgegeben, die entstanden, als die führenden Köpfe der deutschen Kernphysik, darunter Hahn, Heisenberg, von Weizsäcker, Diebner und Ger-lach, 1945 auf dem englischen Landsitz Farm Hall interniert waren. Aus diesen ist bekannt, daß die Nachricht von der Zerstörung Hiroshimas bei Gerlach einen Nervenkollaps auslöste. „Dieser Zusammenbruch war bislang völlig unverständlich“, sagt Hoffinann. „Vor dem Hintergrund dessen, was Karlsch über Gerlach herausgefunden hat, ist er jetzt verständli-cher.“ Er brach zusammen, als er hörte, daß den Amerikanern gelungen war, was unter seiner Verantwortung in Deutschland nicht zustande kam.
Eine ganz andere Frage freilich ist, ob Gerlachs und Diebners Bemühungen überhaupt Er-folg haben konnten. Kam es in Gottow und Ohrdruf wirklich zu nuklearen Kettenreaktionen? Hier wechselt die Perspektive von der Geschichtswissenschaft zur Physik.

Rainer Karlsch stützt sich in seinem Buch „Hitlers Bombe“ auch auf physikalische Indi-zien. Als Laie auf diesem Gebiet hat er sich von einer Reihe von Fachleuten beraten lassen, die auch Auszüge des Manuskriptes zu sehen bekamen. Das hat leider nicht verhindert, daß hier der eine oder andere Fehler stehenblieb.

Besonders ärgerlich ist, daß Karlsch es grundsätzlich für möglich hält, mittels Hohlladungen Fusionsreaktionen zu zünden. Offenbar hat er einige seiner physikalischen Berater tatsächlich so verstanden, daß eine sogenannte „Trägheitsfusion“ allein mit konventionellem Sprengstoff nicht ausgeschlossen ist. Zumindest einer dieser Berater aber, Ulrich Schmidt-Rohr aus Heidelberg, hat Karlsch nach eigener Aussage ausführlich erklärt, daß das schlicht und ergreifend nicht geht: „Mit einer Panzerfaust erreichen Sie Drücke von einer halben Million Bar, mit heutigen konventionellen Hohlladungen höchstens 10 Millionen Bar – doch für eine Fusion brauchen Sie eine Milliarde Bar, also noch einmal das Hundertfache.“ Auch Detlef Lohse von der Universität Twente in den Niederlanden, ein bekannter Theoreti-ker auf dem Gebiet der Implosionsphysik, ist sich sicher: „Das konnte und kann nicht funktionieren.“

Der Verdacht ist nicht völlig von der Hand zu weisen, daß Karlsch hier nur solche Kom-mentare wahrgenommen hat, die ihm in sein Bild paßten. Dabei war das völlig unnötig: Die Kernreaktionen, von denen er spricht, waren höchstens Spaltprozesse, niemals reine Fusionen. So muß bei der Testexplosion in Ohrdruf – die einzige, die reale Spuren in Dokumen-ten hinterlassen hat – Uran zum Einsatz gekommen sein. Dafür spricht nicht nur die Erwäh-nung des spaltbaren Uranisotops U-235 in dem sowjetischen Geheimdienstbericht, sondern auch die zweite Indizien-Säule, auf die Karlsch sich stützt: Messungen radioaktiver Isotope in Bodenproben aus Gottow und Ohrdruf.

Denn schon die Tatsache, daß der Gottower Reaktor kritisch wurde, kann Karlsch aus keinem einzigen Dokument schließen. Das gleiche gilt für die Frage, ob die Explosionsenergie in Ohrdruf zu einem meßbaren Teil aus Kernreaktionen stammte. Hier muß Karlsch sich ganz auf die Experimentalphysiker verlassen, die die Bodenproben auf Gamma- und Alphastrahlung der für Kernspaltungsprozesse charakteristischen Isotope hin untersucht haben.

Auf den ersten Blick sind ihre Ergebnisse beeindruckend: In Gottow fanden sich Reste von Uran mit einem höheren als in Natururan enthaltenen Anteil an U-235. Das könnte be-deuten, daß Diebner mit angereichertem Uran experimentierte, wobei der Anreicherungsgrad allerdings nicht mehr als 12 bis 15 Prozent betragen haben kann, denn höher konnte man Uran in Deutschland damals nicht anreichern.

Das ist aber viel zu gering, um damit eine Atombombe zu bauen, die diesen Namen ver-dient. Zumindest einige hundert Gramm Uran dieses Anreicherungsgrades standen den deutschen Physikern zur Verfügung – das war bekannt. Neu an den Befunden aus Gottow ist, daß Diebner damit hantiert haben soll. Es könnte bedeuten, daß er seinen Reaktor tat-sächlich zum Laufen brachte.

Doch das läßt sich nach Einschätzung der Wissenschaftshistorikerin Cathryn Carson von der University of California in Berkeley nicht belegen – auch durch die Messungen nicht. „Das paßt nicht so zusammen, wie Karlsch es suggeriert“, sagt Carson, „da gibt es Unstimmigkeiten, Mißverständnisse und physikalische Fehler.“ Karlsch kann zwar nachweisen, daß Diebner Experimente machte, von denen bislang nichts bekannt war. Doch die außer-gewöhnlichen Beweise dafür, daß der Gottower Reaktor wirklich lief, bleibt er schuldig.

Das macht den Leser nicht gerade gewogen, Karlschs Argumenten für einen erfolgrei-chen SS-Kernwaffentest in Ohrdruf zu folgen. Immerhin, auch dort fanden sich Uran, Plu-tonium und zudem das Spaltprodukt Cäsium-137. „Dabei können wir ausschließen, daß es sich um den Fallout des Reaktorunfalls von Tschernobyl handelt“, sagt Dirk Schalch von der Universität Gießen, der an den Messungen beteiligt war. „Das Bundesamt für Strahlen-schutz hat Erhebungen über die Verteilung von Tschernobyl-Cäsium gemacht, und da liegen wir an einigen Stellen eben drüber – und zwar deutlich.“
Aber die Forscher stießen noch auf etwas anderes: Kobalt-6o, das bei der Einwirkung von Neutronen aus Spaltreaktionen auf Eisen oder Stahl entsteht. Zusammen mit den Cäsium-Werten läßt das für den Kernchemiker Reinhard Brandt von der Universität Marburg nur einen Schluß zu: Es kann sich nicht einfach nur um eine „schmutzige Bombe“ gehandelt ha-ben, also um einen Sprengsatz, der neben Splittern auch radioaktives Material durch die Gegend schleudert. „Während der Explosion sind auch deutlich Kernreaktionen mit Energiefreisetzung abgelaufen“, wird Brandt von Karlsch zitiert – eine Einschätzung, die der Marburger Wissenschaftler auf Nachfrage bestätigt.

Für einen außergewöhnlichen Beweis reicht das freilich nicht. „Die Physiker sollten ihre Daten veröffentlichen, damit andere Physiker sie nachprüfen können“, empfiehlt Cathryn Carson. Das hätte vermutlich sehr viel länger gedauert, als Karlsch als freischaffender His-toriker mit der Veröffentlichung seines Buches hätte warten können. Immerhin muß man ihm zugute halten, daß er sich nicht mit Messungen eines Labors zufriedengegeben hat. Tat-sächlich wurden die Gießener Ergebnisse durch separate Messungen der Gruppe um Uwe Keyser von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig bestätigt. Keyser verfügt über Meßgeräte zum Nachweis geringster Spuren gammastrahlender Isotope, die zu den besten der Welt zählen. „Es kann sich nicht um Unsinn handeln“, sagt Keyser, „da spre-chen die Isotope eine klare Sprache. Wie und wann die dahingekommen sind, kann ich derzeit natürlich nicht sagen.“ So kann er nicht ausschließen, daß das radioaktive Material aus der Nachkriegszeit stammt. „Die Russen könnten dort Kontaminations- und Dekontaminati-onsexperimente durchgeführt haben.“ Denn Ohrdruf war, wie übrigens Gottow auch, später sowjetisches Militärgelände. Heute übt dort die Bundeswehr das Mörserschießen, weswegen direkt am vermuteten Explosionsort bislang keine Bodenproben entnommen werden konn-ten. Gaukelt uns hier der laxe Umgang der Roten Armee mit strahlenden Stoffen einen Kernwaffentest der SS vor?
„Diese Frage läßt sich ohne Vorurteile wissenschaftlich beantworten“, sagt Keyser und verkündet damit etwas recht Ungewöhnliches: die Klärung einer historischen Frage mit Mit-teln der Naturwissenschaft. Der Braunschweiger Professor hat nämlich vor, die Bodenproben aus Ohrdruf und Gottow einer sogenannten Prompten-Gamma-Analyse zu unterziehen. Dabei werden sie in den Neutronenstrahl eines Forschungsreaktors gehalten, wodurch sämt-liche Atomkerne – also nicht nur die radioaktiven – zur Emission von Gammastrahlen ange-regt werden. Daraus kann man dann auf geringste Mengen stabiler Zerfallsprodukte aus frü-heren Kernreaktionen schließen. So lassen sich nicht nur nähere Einzelheiten über diese Reaktionen in Erfahrung bringen, sondern man kann auch zurückrechnen, ob sie tatsächlich schon im März 1945 stattgefunden haben.
Sollten die Messungen das Datum bestätigen und damit ausgerechnet Karlschs außerge-wöhnlichste Behauptung beweisen, dann hätten die Physiker allerdings ein Problem. Denn die wenigsten können sich vorstellen, daß Diebner und Co. mit dem damals vorhandenen Material, insbesondere dem bißchen niedrig angereicherten Uran, „deutliche Kernreaktionen mit Energiefreisetzung“ bewerkstelligen konnten. Karlsch glaubt, daß es sich bei der Ohrd-rufer Versuchsanordnung um eine Abart einer sogenannten „geboosteten“ Spaltbombe han-delt, bei der gegeneinander gerichtete kegelförmige Hohlladungen das Material zweier U-ranplatten zusammenschießen, zwischen denen Fusionsstoff plaziert ist, um die Neutronen-produktion zu steigern (siehe Graphik auf S. 69). Eine Atombombe im eigentlichen Sinn ist das nicht, auch keine taktische. Allenfalls ist vorstellbar, daß man so mit viel Glück eine kurze Kettenreaktion auslösen kann, die aber gleich wieder abbricht – etwas, das amerikani-sche Kernwaffentechniker einen „fizzle“ nennen. Die Explosionsenergie der Hohlladungen könnte damit gesteigert werden, und es entstünde Neutronenstrahlung, die die Kobalt-6o-Messungen in Ohrdruf erklären würde.

Wie stark die Explosion gewesen sein könnte, ist aus den bislang bekannten Daten nicht zu ermitteln. Sie kann aber, nimmt man die Augenzeugenberichte und die sowjetischen Ge-heimdienstpapiere ernst, höchstens im Promillebereich der Hiroshima-Bombe gelegen ha-ben. Selbst wenn die SS personell und materiell in der Lage gewesen wäre, solche Anord-nungen zu Hunderten in V-2-Raketen zu packen und auf die vorrückenden alliierten Trup-pen abzuschießen – es hätte den Untergang des Dritten Reiches höchstens um einige Tage hinausgezögert und dem vielen Grauen dieser Zeit nur weiteres hinzugefügt.
Allerdings ist es keineswegs sicher, daß dergleichen mit dem schwach angereicherten U-ran, das Diebner zur Verfügung stand, auch nur grundsätzlich möglich gewesen ist – selbst wenn ihm davon viel größere Mengen zur Verfügung standen als bekannt. Genauer wissen dürften das aber, wenn überhaupt, nur praktisch erfahrene Kernwaffenspezialisten – und die hat es in Deutschland zum Glück nie gegeben. Auch Kurt Diebner und Kollegen dürften keine Ahnung gehabt haben, ob sie mit dieser Anordnung Erfolg haben würden.

Klarheit können hier wohl nur die Prompte-Gamma-Messungen bringen. Deren Ergebnis-se sollen noch in diesem Jahr vorliegen. Uwe Keyser wird sie wohl nach Begutachtung durch andere Physiker in einer Fachzeitschrift publizieren. Als öffentlich bestallter Forscher ist er den Mediengesetzen der Wissensgesellschaft ja nicht ganz so ausgeliefert wie Karlsch.