Bitumenwerk Arnstadt – Entkontaminiert: Gerüche und Gerüchte – vom 19.08.2004

Quelle: Thüringer Allgemeine 19.08.04 -> Lokalteil ARN

Entkontaminiert: Gerüche und Gerüchte

Die Spekulationen schießen auf eine sehr unangenehme Weise ins Kraut: Auf dem Gelände der ehemaligen Zerlith-Werke in der Ichtershäuser Straße, wo seit November des Vorjahres das kontaminierte Erdreich saniert und revitalisiert wird, sollen nach Gerüchten von bestimmten Leuten, die sich davon einen Gewinn versprechen, unterirdische Anlagen und Bunker entdeckt worden sein. „Alles Unsinn“- wehrte gestern der zuständige Bauleiter Detlef Schmeichel von der Becker-Daldrup GbR ab, deren Mitarbeiter auch nach Feierabend in den Gaststätten bedrängt werden, etwas „entdeckt zu haben.“ Angeblich wäre deshalb das 40 mal 85 Meter große Zelt auf dem Areal aufgebaut worden, um Bunker oder einen eingegrabenen Panzer zu verstecken, gibt Schmeichel die Fantasien einiger Leute wieder. Er führte gestern direkt in dieses Zelt und stellte vor, was dort tatsächlich vor sich geht, nämlich der Austausch der hochgradig belasteten Erde, die der Unternehmer Heinrich Becker „als eine ökologische Herkulesaufgabe“ bezeichnete. Gemeinsam mit seinem Partner Josef Daldrup wolle er die außerordentlich schwerwiegenden Altlasten für den Boden und das Grundwasser beseitigen und das Grundstück für die Ansiedlung neuer Unternehmen herrichten (TA berichtete). Die hohen Geruchsbelästigungen, die bei den Arbeiten entstanden waren, hatten zu Protesten im Umkreis geführt. Als Reaktion darauf wurde das große Zelt aufgebaut, das Stück für Stück verrückt wird, wenn das darunter liegende Material entsorgt und mit „gesunder“ Erde wieder aufgefüllt ist. Insgesamt waren das bisher 10 000 Kubikmeter Erde, erklärte Detlef Schmeichel. Die im Volksmund auch als „Bitumenwerk“ bezeichnete Anlage war bereits im Jahre 1896 zur Produktion teerhaltiger Baustoffe errichtet worden. Nach einem Brand der Industrieanlage im Jahr 1972 wurden die Verfahren zur Produktion von Dachpappen, Bautenschutzmitteln und Antriebs-stoffen erweitert. Ehemalige Mitarbeiter der dann später als Zerlith-Werke bezeichneten Firma hätten bestätigt, dass auch Brandreste in den 70-er Jahren wild mit verkippt worden seien. Bis zur Stilllegung des Betriebes im Jahr 1990 sind große Mengen an Produktionsstoffen in den Boden gelangt. Die großflächigen Bodenkontaminationen seien auf Leckagen, aber insbesondere auf einen nicht sachgemäßen Umgang mit Wasserschadstoffen in den letzten 40 Jahren zurückzuführen, lauteten die Erklärungen von Schmeichel. So seien mineral- und teerhaltige Produktionsrückstände auf dem Grundstück gelagert und die Flächen als Enddeponien genutzt worden. „Unterhalb der Bodenplatte wurden bei Sanierungsarbeiten massenhaft teerhaltige Produktionsrückstände vorgefunden“, sagte er. „Durch ständige Untersuchungen stellen wir sicher, dass weder für unsere Mitarbeiter noch für unsere Nachbarn irgendwelche Gesundheitsgefahren entstehen.“ Alle Messdaten garantierten, dass die Luftgrenz-werte eingehalten würden. Die Entsorgung der Erde erfolge unterschiedlich – je nach Grad der Durchseuchung – thermisch oder biologisch. Das gesamte Gebiet umfasst 21 000 Quadratmeter. Detlef Schmeichel zeigte an Hand einer Luftaufnahme, wo sich die einzelnen Bereiche befinden. Hinter dem Betriebsgelände, also außerhalb, verlaufen alte Bahnschienen. Und ein Stück dahinter steht ein kleiner alter Luftschutzbunker aus dem zweiten Weltkrieg. Vielleicht hat der die Fantasien jener Leute beflügelt, die sich auf das Gelände der ehemaligen Zerlith-Werke schleichen und heimlich unters Zeltdach schielen. Von Marlis KIESEWALTER

18.08.2004