Die letzte Wunderwaffe – Kernwaffenversuche in Thüringen – vom 23.03.2005

Link zur Diskussion im GTGJ-Forum: Rainer Karlsch: Hitlers Bombe

Quelle: http://www.freenet.de/freenet/wissenschaft/geschichte/gegenwart/wunderwaffe/index.html

Die letzte Wunderwaffe

von Matthias Seng

Als der deutsche Chemiker und spätere Nobelpreisträger Otto Hahn Ende 1938 die Kernspaltung entdeckte, war es von da an nur ein kleiner gedanklicher Schritt zur Idee einer Kernwaffe. Mit der Gründung des Uranvereins ein knappes Jahr später, der zunächst noch dem Erziehungsministeriums unterstand und unter dessen Dach die besten deutschen Physiker arbeiteten, waren zwei zentrale Ziele verbunden: die Energiegewinnung durch Kernspaltung und die Entwicklung einer nuklearen Bombe.

Übersicht:
Die letzte Wunderwaffe
Plutonium – der Königsweg zur Atombombe
Forschen für Hitlers Bombe
Auf Umwegen zur Bombe?
Kernwaffenversuche in Thüringen
Irreführender Titel
Eine verwegene These

Über die zeitlichen Dimensionen gab es unterschiedliche Meinungen. Manche der Wissenschaftler hielten die Entwicklung und den Bau eines Reaktors und einer Bombe innerhalb kürzester Zeit für möglich, während die Skeptiker einen Zeitraum von fünf bis 50 Jahren veranschlagten.

Faktisch war der Uranverein seit seiner ersten Sitzung am 16. September 1939 – also rund zwei Wochen nach Kriegsbeginn – dem Heereswaffenamt (HWA) unterstellt, viele der rund 100 Wissenschaftler, die am Uranprojekt arbeiteten, hatten Einberufungsbefehle erhalten.

Der Uranverein, dem weltberühmte Wissenschaftler wie der Nobelpreisträger Werner Heisenberg, Paul Harteck oder Ernst Friedrich von Weizsäcker angehörten, hatte allerdings keine feste organisatorische Struktur. Seine Mitglieder arbeiteten an insgesamt 19 Instituten, Leitinstitut war das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik (KWI) in Berlin. Im Gegensatz zu den USA, wo zeitgleich ebenfalls ein Atomprojekt betrieben wurde, entstand in Deutschland kein geschlossenes Atomforschungsprojekt.


Reaktorversuch der Gruppe Diebner


Ein weiterer Versuch der Gruppe Diebner

Kernwaffenversuche in Thüringen

Um die Jahreswende 1944/45 veranstaltete die Gruppe Diebner ein Reaktorexperiment in Gottow. Dabei kam es zu einem Reaktorunfall, weil die Wissenschaftler auf den Einbau von Steuerungselementen verzichtet hatten. Wahrscheinlich wurden mehrere der bei dem Experiment Beteiligten verstrahlt. Einige von ihnen starben nach dem Krieg an den Folgen einer Strahlenkrankheit.

Bei ihrem Einmarsch im Frühjahr 1945 entdeckten sowjetische Truppen den zurückgelassenen Reaktorkessel. Sowjetische Wissenschaftler, die ihn unter Augenschein nahmen, hielten in ihrem Bericht fest, das es sich um eine Anlage zur Gewinnung von Atomkernenergie aus Uran handelte.

Offenbar ließen sich Diebner und seine Männer von dem außer Kontrolle geratenen Reaktor nicht von weiteren Forschungen und Versuchen abhalten. Am 3. und am 12. März 1945 sollen sie eine Kernwaffe in der Nähe des thüringischen Dorfes Ohrdruf getestet haben. Dafür gab es bisher nur zweifelhafte Zeugenaussagen.

Allerdings wurden in einem erst seit kurzem zugänglichen sowjetischen Geheimdienstbericht vom 23. März 1945 zwei starke Explosionen bestätigt, bei denen hunderte Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und auch SS-Männer aus dem nahe gelegenen Konzentrationslager Ohrdruf ums Leben gekommen sein sollen.

Allerdings handelte es sich bei der getesteten Waffe nicht um eine Atombombe im eigentlichen Sinn, nicht einmal um eine taktische Kernwaffe. Mit dem damals nur in geringen Mengen zur Verfügung stehenden, noch dazu nur niedrig angereichertem Uran und der möglicherwweise verwendeten Hohlladungstechnik konnte keine Kernfusion erreicht werden. Mit den vorhandenen Mitteln hätte bestenfalls eine kurze Kettenreaktion ausgelöst werden können. Die bei der Explosion am 3. März freigesetzten Energiemengen hätten sich maximal im Promillebereich der Hiroshima-Explosion bewegen können.

Eine reale Gefahr für die vorrückenden alliierten Truppen ging von den nuklearen Experimenten der deutschen Forscher in den letzten Kriegswochen aber nicht mehr aus. Das untergehende Regime hatte nicht mehr die Ressourcen, um die getesteten Anordnungen mit den vorhandenen Waffentechniken etwa der V 2 – gegen die Alliierten einzusetzen.

Irreführender Titel

Rainer Karlsch: Hitlers Bombe München 2005, Deutsche Verlagsanstalt

Zum Buch: Der Berliner Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch hat mit „Hitlers Bombe“ der Geschichte der Kernwaffenforschung im Dritten Reich ein neues, bisher unbekanntes Kapitel hinzugefügt. Das betrifft allerdings nicht, wie der wie irreführende Titel suggeriert, die vermeintliche Sensation: Das Dritte Reich hatte keine Atombombe, ja, es ist auch nach diesem Buch weiter höchst unwahrscheinlich, dass jemals die Voraussetzungen zum Bau einer Bombe geschaffen wurden.

Eine taktische Atomwaffe, wie Karlsch behauptet, hätte mit den damaligen Ressourcen nicht hergestellt werden können. Weiteren Aufschluss in dieser Frage sollen übrigens Bodenproben geben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig auf dem Gelände in Ohrdruf vorgenommen werden sollen.

Mit Hilfe eines speziellen Mess- und Analyseverfahrens kann man feststellen, ob es dort im März 1945 tatsächlich zur Explosion einer Kernwaffe gekommen ist. Noch im Verlauf dieses Jahres wird sich dann hoffentlich herausstellen, ob Karlsch mit seiner kühnen These richtig liegt oder ob er sich nicht doch zu weit vorgewagt hat.

Eine verwegene These

Die Verdienste seines Buches liegen dann auch anderswo. Karlsch kann nachweisen, dass es – entgegen bisheriger Vermutungen – im Dritten Reich sehr wohl eine relativ weit fortgeschrittene Atomforschung gab; und dass es nicht der Uranverein und die Forscher um Heisenberg und Weizsäcker waren, denen die größten Fortschritte gelangen, sondern eine dem Regime bis in die letzten Kriegstage hinein treu ergebene Forschungsgruppe der Heeresversuchsanstalt, die dem unstillbaren Hunger Hitlers auf neue Wunderwaffen immer wieder Nahrung gab.

Aufgrund neuer, bisher unbekannter Dokumente kann Karlsch nachweisen, dass es in Nazi-Deutschland nach 1943 so etwas wie ein Kernwaffenprogramm gab.

Das steht quer zu den bisherigen Erkenntnissen, wonach die Elite der deutschen Physiker aus einer Mischung von Ressourcenknappheit und Verantwortungsbewusstsein keine Anstrengungen zur Herstellung von „Hitlers Bombe“ unternommen hätte. Die von Karlsch zitierten Aktivitäten auf dem Feld der hohlladungsgezündeten Kernfusionen belegen, dass geradezu fieberhaft versucht wurde, Hitlers Regime neue (Massenvernichtungs)Waffen an die Hand zu geben.

Ebenso wird deutlich, dass die SS, die in den letzten Kriegsmonaten das Atomprojekt unter ihre Ägide nahm, ein regelrechtes Netzwerk aufzubauen beabsichtigte, mit dessen Hilfe die neuesten waffentechnischen Entwicklungen miteinander kombiniert werden sollten. Es war der schnelle Vormarsch der alliierten Truppen, die diesen verzweifelten Versuchen ein Ende setzten, nicht aber moralische Skrupel der beteiligten Wissenschaftler.


Reaktorversuch der Gruppe Diebner


Ein weiterer Versuch der Gruppe Diebner