(c) MDR Quelle: Die Russen in Thüringen vom 21.11.2002

von Jan Schönfelder
Vor zehn Jahren, im Herbst 1992, zogen die letzten sowjetischen Soldaten aus Thüringen ab. Der Freistaat war damit das erste der neuen Länder, aus dem die früheren Besatzer abzogen. Die Soldaten hinterließen nicht nur zwiespältige Erinnerungen und giftige Altlasten, sondern auch zahlreiche Ehrenmäler und Friedhöfe.

47 Jahre sowjetische Besatzung
Im Herbst 1989 waren rund 80.000 sowjetische Soldaten, Zivilisten und Familienangehörige in Thüringen stationiert. Thüringen galt bis zu diesem Zeitpunkt als Aufmarsch- und Kampfgebiet für einen möglichen Krieg zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt. Im Zuge der Verhandlungen über die Deutsche Einheit im Jahr 1990 wurde zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion ein Aufenthalts- und Abzugsabkommen geschlossen. 1994 zogen die letzten 50 Soldaten aus Thüringen ab. Sie haben bis zu diesem Zeitpunkt auf dem Schneekopf im Thüringer Wald den Flugverkehr überwacht.

Die Russen kommen
Die Russen rückten in Thüringen nicht als kämpfende Truppe, nicht als Befreier, ein. Sie kamen erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Juli 1945. Die Soldaten der Roten Armee lösten die amerikanischen Besatzungstruppen ab, die Thüringen im April besetzt hatten. Der Abzug der Amerikaner begann am 1. Juli und endete am 4. Juli 1945. Zwischen den Alliierten war vereinbart, dass zwischen den ab- und anrückenden Streitkräften eine drei bis fünf Kilometer breite Pufferzone bleiben soll. Aus Sachsen kommend, besetzten die Russen unter Generaloberst W.I. Tschuikow zunächst ostthüringische Städte und Landkreise. Am 6. Juli hatten sie die westlichen und südlichen Landesgrenzen erreicht.
Unter dem Einfluss der Sowjetischen Militäradministration wurde, wie auch in den anderen Ländern der Sowjetischen Besatzungszone, nach und ein kommunistisches System aufgebaut. Dabei wurden die Besatzer auch von kommunistischen Funktionären unterstützt.

Sowjet-Soldaten als Repressionsorgan
Die Russen übernahmen nach ihrem Einmarsch das ehemalige nationalsozialistische Konzentrationslager Buchwald. Das KZ bei Weimar führten sie als sogenanntes Speziallager weiter, um Gegner und vermeintliche Gegner auszuschalten. Bis 1949 wurden in dem Lager Tausende Menschen festgehalten. In dieser Zeit kamen etwa 7.000 Menschen ums Leben.
1953 beteiligten sich Soldaten der Roten Armee an der Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni. Die Streitkräfte rückten mit Panzern aus, um die Streiks der ostdeutschen Arbeiter neiderzuschlagen. Mit ihrer Hilfe wurde unter anderem der Aufstand in Jena und Gera niedergeschlagen. Die Rote Armee erwies sich als Stütze des SED-Regimes.

Leben hinterm Stacheldraht
Die sowjetischen Soldaten führten ein zurückgezogenes Leben in der DDR. Im Gegensatz zu den Amerikanern in den Westzonen gab es keine freundschaftlichen Beziehungen zu der Bevölkerung. Die einfachen Soldaten lebten zwangsweise hinter Betonmauern und Stacheldraht. Sie wurden lediglich bei Truppentransporten, Tiefflügen und Manövern wahrgenommen. Offiziere lebten dagegen oftmals mit ihren Familien außerhalb der Kasernenmauern in der DDR. Doch enge Kontakte zur einheimischen Bevölkerung gab es auch da kaum. Lediglich die russischen Militärgeschäfte, im Volksmund „Russen-Magazin“ genannt, wirkten anziehend für Einheimische.
Die dürftige Verpflegung der jungen russischen Wehrpflichtigen erregte oftmals Mitleid unter der ostdeutschen Bevölkerung. So wurden den Soldaten bei Transporten gelegentlich Lebensmittel zugesteckt. Einen engeren Kontakt gab es zwischen den Soldaten der NVA und der Sowjetarmee, insbesondere unter den Offizieren, aber auch „organisiert“ zwischen den Soldaten. Die DDR-Bürger erlebten die Besatzer lediglich an Festtagen in einer anderen Rolle. Dann traten russische Chöre und Folkloregruppen auf. Die brachten ein exotisches Flair in die Festveranstaltungen.
Aufsehen und Verständnislosigkeit erregte dagegen die Jagt nach Deserteuren. Die fahnenflüchtigen Soldaten wurden von ihren Kameraden unbarmherzig und rücksichtslos verfolgt. Im August 1985 erfuhr beispielsweeise ein Soldat, dass sein Bruder in Afghanistan gefallen war. Er wollte deshalb zu seinen Eltern zurück und bat um Urlaub, der ihm nicht genehmigt wurde. In seiner Verzweiflung nahm er sich eine Maschinenpistole, Munition und erbeutete ein Taxi. Er kam nicht weit. Am Bahnhof in Jena fuhr er in eine Straßensperre und wurde von rund 80 Schüssen durchsiebt. Nur in Ausnahmefällen sind Deserteure nicht gefasst worden.

Der Rückzug
Die Rückverlegung der „Westgruppe der Sowjetischen Streitkräfte“, wie die Armee bezeichnet wurde, galt als logistische Meisterleistung. Ab dem 1. Januar 1991 traten sechs Armeen nach penibel eingehaltenen Jahresplänen die Heimreise an. 4.200 Kampfpanzer, mehr als 8.200 gepanzerte Kampffahrzeuge und 3.600 Artillerie-Systeme, knapp 700 Flugzeuge und fast ebenso viele Hubschrauber wurden aus Deutschland abtransportiert. Außerdem nahmen die Militärs nach eigenen Angaben 677.000 Tonnen Munition, 100.000 Fahrzeuge sowie rund zwei Millionen Tonnen anderes Material mit. Für Aufenthalt, Rücktransport, ein Wohnungsbauprogramm in der Heimat und Umschulungsmaßnahmen stellte die Bundesregierung 6,1 Milliarden Euro der Sowjetunion zur Verfügung. Damit sollten unter anderem 45.000 Wohnungen in der Heimat errichtet werden.

Die Hinterlassenschaften
Als die Russen ihre Kasernen und Stützpunkte in Thüringen nach 1990 räumten, war dies oftmals mit der Demontage der gesamten Einrichtung verbunden. Ob Fenster, Sanitäreinrichtungen oder Elektroanlagen. Alles was nicht „niet- und nagelfest“ war wurde gen Osten transportiert. Doch nicht alles wurde von den Russen mitgenommen. Die Streitkräfte hinterließen auf den weitläufigen Militärgeländen Öl, Benzin, Munition und Gifte aller Art.

Insgesamt hinterließen die Russen 7.500 Hektar belastete Militärflächen. Mehr als 160 Tonnen Munition wurden in den letzten Jahren gefunden und entsorgt. Die Kosten für die Beseitigung von Munition und Umweltgiften summieren sich inzwischen auf 100 Millionen Euro.

Die sowjetischen Ehrenmäler
Zu den Hinterlassenschaften der Russen gehören auch unzählige sowjetische Ehrenmäler. Die Bundesrepublik hatte sich vertraglich verpflichtet, diese Denkmäler, an denen oftmals Hammer und Sichel oder ein roter Stern prangen, zu schützen und zu pflegen. Mit den Denkmälern wird vielerorts an die sowjetischen Gefallenen des Zweiten Weltkriegs erinnert. In den Gräbern, die oftmals zu diesen Denkmälern in Thüringen gehören, liegen aber keine Soldaten der Roten Armee, die bei den Kämpfen um Deutschlands ums Leben gekommen sind. Da in Thüringen keine Kampfhandlungen der Roten Armee stattgefunden haben, liegen dort meist Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge.

zuletzt aktualisiert: 21. November 2002 | 11:38