Einsatz für die Stadt – Rückblick auf die Ereignisse im April 1945 in Arnstadt – vom 08.04.2004

Quelle: Thüringer Allgemeine – Lokalteil Arnstadt am 08.04.04

Rückblick auf die Ereignisse im April 1945 und Erinnerung an Pfarrer Lämmerhirdt

ARNSTADT.
Mit einer nachträglichen Würdigung zu seinem 90. Geburtstag wird an Pfarrer Karl-Heinz Lämmerhirdt, geb. 27.11.1915 in Bürgel, gest. 19.9.1997 in Leverkusen, erinnert. Zugleich ist es ein Erinnern an die Ereignisse am Ende des 2. Weltkrieges. Denn Pfarrer Lämmerhirdt ist für seinen Versuch zu danken, Arnstadt vor einem schweren Schicksal zu bewahren.

Karl-Heinz Lämmerhirdt war Pfarrer in Holzhausen vom Juni 1938 bis Ende Juli 1945. Er war, wie auch Walter Liebmann, der Besitzer der Handschuhfabrik, bestrebt, die Stadt den Amerikanern unbeschadet zu übergeben. Am 8. April versuchte Liebmann, Oberbürgermeister Huhn zur Übergabe der Stadt zu bewegen, jedoch ohne Erfolg, denn diesem waren die Hände gebunden. Daraufhin beschloss er – da er Englisch sprach – auf eigene Faust Verbindung mit den Amerikanern aufzunehmen. Er fuhr mit dem Fahrrad bis vor Mühlberg, wo man ihn zum Kommandanten brachte. Er wurde mit einem Jeep zum Stab nach Gotha gefahren. „Hier wurde ich freundlich empfangen und über alles Mögliche ausgefragt. Ich erklärte, dass ich als Privatmann meine Stadt vor sinnloser Zerstörung bewahren wolle. Man sicherte mir zu, Arnstadt nicht weiter zu beschießen, wenn kein Widerstand geleistet würde. Ich fuhr zurück zum OB. Dieser empfing mich mit den Worten: ‚Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Halten Sie sich versteckt, Sie werden gesucht.“ So schrieb Liebmann später, nachzulesen auch im Heft 5 des Heimatlichen Lesebuches.

Wie sah es in Arnstadt aus? Eine Bewohnerin berichtet: „Am 3. April (3. Osterfeiertag) Wehrmachtsfahrzeuge und Trupps von Soldaten durchziehen die Stadt Um 18 Uhr beschießen Jagdbomber die Fahrzeuge und Menschen. Ab 22 Uhr schlagen die ersten Artilleriegranaten ein. Auch am 4. April wieder Jagdbomber, abends und nachts wieder Beschuss, bis in die Morgenstunden des 5. April, drei Einschüsse im Haus Markt 15. Vom 6. bis 9. April relative Ruhe.“ Die Truppen rückten vor, am 10. April wird Holzhausen besetzt. Die Amerikaner befehlen alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren in das Bürgermeisteramt. Für Pfarrer Lämmerhirdt hat ein Offizier eine Sonderaufgabe. Um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden und um die Stadt nicht in Schutt und Asche zu legen, soll er als Parlamentär mit Bügermeister Otto Weiße nach Arnstadt gehen. Zuvor bringt man sie in den Gefechtsstand in der Försterei Eichfeld, damit sie sich ein Bild von der drohenden Gefahr durch 90 Geschütze machen sollen. Von hier führt Otto Weiße zwei Telefongespräche mit den Befehlshabern im Arnstädter Rathaus, doch ohne Erfolg. Daraufhin begeben sich Lämmerhirdt und Weiße gemeinsam mit einem Deutsch sprechenden amerikanischen Oberleutnant nach Arnstadt. Die beiden Holzhäuser werden nicht in die Stadt eingelassen. In der Ohrdrufer Straße müssen sie warten, bis der Amerikaner zurück kommt. Dieser wird mit verbundenen Augen in das Rathaus gebracht. Seine Verhandlungen haben ebenfalls keinen Erfolg. Eine kampflose Übergabe wird wieder abgelehnt. Die Arnstädterin berichtet weiter: „Ab 13 Uhr fallen die ersten Schüsse; etwa eine halbe Stunde später zwei furchtbare Einschläge. Das Haus Markt 15 brennt, von Phosphorgranaten getroffen. Zur gleichen Zeit werden die Pferdeställe und Kohlenlager der Firma Cäsar Maempel beschossen und brennen ebenfalls ab. NSDAP-Kreisleiter Mütze wie auch der Oberbürgermeister sind schnell verschwunden. Der Volkssturmkommandant bleibt und fällt. Die Amerikaner treffen nun in der Stadt auf keinerlei Widerstand. Dadurch ist die Stadt – Gott sei Dank – halbwegs heil davon gekommen.“

Gerhard Pfeiffer,
Geschichtsverein