Hitler klarer Verlierer im Atomwettlauf – vom 02.08.2005

Quelle: http://www.rp-online.de/public/article/nachrichten/wissenschaft/technik/100660

Hitler klarer Verlierer im Atomwettlauf

veröffentlicht: 02.08.05 – 14:48

Paris (rpo). Adolf Hitler war im Wettlauf um die Atombombe – glücklicherweise – der klare Verlierer. Als die Amerikaner am 6. August 1945 die erste dieser damals tödlichsten aller Waffen auf das japanische Hiroshima warfen, war der Zweite Weltkrieg in Europa bereits seit drei Monaten vorüber, der deutsche Diktator längst tot. Aber auch Nazideutschland hatte kurz vor Kriegsende Kurs in Richtung Kernwaffenentwicklung genommen. Das wird durch erst allmählich freigelegten Passagen aus ehemals sowjetischen Geheimarchiven bekannt.

„Die Nazis waren überhaupt nicht nahe an einer Atombombe von dem Typ, wie er im August 1945 in Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurde“, betont der New Yorker Historiker Mark Walker. „Ihre Forschritte bei der Entwicklung derartiger Waffen waren dem vergleichbar, was die Amerikaner im Sommer 1942 erreicht hatten.“

Doch in einem Bierkeller in Haigerloch bei Tübingen waren deutsche Forscher offenbar gegen Kriegsende kurz davor, eine Kettenreaktion in einem Reaktor-Prototyp zu Stande zu bringen.

Der deutsche Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch veröffentlichte im März ein umstrittenes Buch über „Hitlers Bombe“. Darin berichtete er über angebliche Versuche mit einer Waffe, die dem heutigen Konzept von „schmutzigen Bomben“ entspricht. Aus den Archiven tauchten auch Pläne für eine erste kleine Atomrakete auf.

Angst der USA

Tatsächlich war damals die Angst der USA groß, die Deutschen könnten die von der Nazi-Propaganda angekündigte „Wunderwaffe“ tatsächlich entwickeln und auch zum Einsatz bringen. Schließlich war einem Deutschen, dem späteren Chemie-Nobelpreisträger Otto Hahn, 1938 die erste Kernspaltung gelungen.

Stimmen wie die des Physik-Genies Albert Einstein überzeugten US-Präsident Franklin D. Roosevelt, ein eigenes Forschungsvorhaben auf die Beine zu stellen, um Nazi-Deutschland zuvorzukommen.

Das groß angelegte Manhattan Project wurde am 7. Dezember 1941 gestartet, zufällig einen Tag nach dem Eintritt der USA in den Weltkrieg nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor. Es verschlang an die 30 Milliarden Dollar und beschäftigte um J. Robert Oppenheimer Tausende Wissenschaftler und Techniker, darunter viele Juden, die vor den Nazis geflohen waren.

Niedrige Priorität

Die Ironie der Geschichte: In Deutschland zählte die Atomwaffe gar nicht zu den obersten Prioritäten. Das Ziel sei so schwierig zu erreichen, dass es keine großen Investitionen lohnte, entschied die Militärleitung. Nur wenige Dutzend deutsche Fachleute befassten sich im Rahmen des „Uranprojektes“ überhaupt mit Atomkraft – meist getrennt voneinander, oft mit halber Kraft und untereinander in Konkurrenz. Bedingt durch den Krieg war auch das radioaktive Material knapp.

Der US-Physiker Samuel Goudsmit kam 1947 zum dem – beruhigenden – Schluss, der als Kopf des „Uranprojektes“ geltende weltberühmte Physiker Werner Heisenberg habe sich bei der Berechnung der für eine Explosion erforderlichen Menge an Uran 235 kräftig geirrt.

Viel später gefundene Papiere aus russischen Archiven legten jedoch nahe, dass das deutsche Militär sehr wohl schon 1942 wusste, dass „zehn bis hundert Kilo“ angereicherten Urans reichten – eine Größenordnung sehr nahe an den „zwei bis hundert Kilo“ des Manhattan Projects. Heisenberg entwarf demnach zudem bereits 1941 eine Plutoniumbombe.

Hoch radioaktive Explosion

Unter Berufung auf Augenzeugenberichte und einen Bericht sowjetischer Spione berichtet Karlsch gar über einen Bombenversuch, den Heisenbergs Rivale Kurt Diebner am 4. März 1945 in Thüringen ausgeführt haben soll. Hunderte von Kriegsgefangenen und Konzentrationslager-Insassen kamen demnach dabei ums Leben. Die Bombe war demnach ganz anders aufgebaut als der zynisch „Little Boy“ getaufte Sprengkörper, den ein US-Jet auf Hiroshima warf. Sie führte aber zu einer lokalisierten, hoch radioaktiven Explosion.

Vor allem in den russischen Archiven schlummern möglicherweise noch weitere, vielleicht hoch brisante Hinweise. „Ich erwarte keine größeren Überraschungen mehr“, sagt Walker – doch er schränkt ein: „Das dachte ich aber auch 1989, als mein erstes Buch über das Atomprogramm der Nazis herauskam.“