Pro & Contra – Was explodierte im März 1945 im thüringischen Ohrdruf? – vom 17.03.2005

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Quelle: Die Zeit -> http://www.zeit.de/2005/12/A-Bombe_Pro
(c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12

Kettenreaktion der Geschichte

Was explodierte im März 1945 im thüringischen Ohrdruf? Eine deutsche Kernwaffe, behauptet der Historiker Rainer Karlsch in seinem Buch »Hitlers Bombe«. Indizien stützen seine These. Reichen sie für einen Beweis?

Pro

Seit einigen Jahren findet in der Wissenschafts- und Technikgeschichte ein Umdenken statt. Entgegen der gängigen Lesart gelang es dem NS-Regime, die Forschung für den Krieg zu mobilisieren. Tatsächlich stießen die Alliierten in Deutschland auf ein Arsenal teils futuristisch anmutender Waffensysteme: ferngelenkte Flugkörper, intelligente Zünder, strahlgetriebene Flugzeuge, ballistische Fernraketen (»V-2«). Was sie nicht fanden, war die Atombombe. Den deutschen Physikern, mit Nobelpreisträger Heisenberg an der Spitze, war nicht einmal gelungen, einen Kernreaktor in Betrieb zu setzen.

Nun kommt der Historiker Rainer Karlsch in seinem Buch Hitlers Bombe zu dramatischen neu en Ergebnissen: Um die Jahreswende 1944/45 wurde ein Reaktor des Heereswaffenamtes »kritisch«, die Kettenreaktion war erfolgreich in Gang gekommen. Sogar Kernwaffentests hätten im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 in Thüringen stattgefunden. Diese Befunde stehen in eklatantem Widerspruch zur historischen Forschung. Bei den Tests sei nicht nur eine Kernspaltung gelungen, sondern auch eine Kernfusion im Spiel gewesen. Eine solche Fusion gelang den USA erst 1952 mit der Zündung einer Wasserstoffbombe im Pazifik. Gerät hier der promovierte Wirtschaftshistoriker Karlsch in gefährliche Nähe zu Amateurhistorikern und ewig Gestrigen? Ist das, was er hier verkauft, »blanker Unsinn«, wie Kommentatoren zu wissen glauben?

»Großer Blitz … viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da«

Nach der Lektüre des Buches wird es schwierig, sich der Argumentation gänzlich zu verschließen. Karlsch stützt sich auf bislang unbekannte Moskauer Quellen, Zeugenaussagen sowie die Expertisen von Physikern. Schlüsselquellen sind der Dienstkalender des »Beauftragten des Reichsmarschalls für die kernphysikalische Forschung«, Walther Gerlach, und ein umfangreiches Manuskript des Chefs der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes, Erich Schumann. Es sollte 1949 erscheinen, wurde jedoch wegen seiner Brisanz zurückgezogen. Es gelingt Karlsch, eine Vielzahl auch bekannter Quellensplitter in einen konsistenten Entwurf zu integrieren. Sein Ergebnis: »Hitlers Bombe«, die kurz vor Kriegsende mehrfach erfolgreich getestet wurde, hatte das Zerstörungspotenzial einer taktischen Kernwaffe.

Konzentrieren wir uns auf die Ereignisse in Thüringen. Die sowjetische Militäraufklärung berichtete im November 1944 über dortige Vorbereitungen für eine »Geheimwaffe von großer Zerstörungskraft«. Die Deutschen versuchten, »Tests mit einer Atombombe durchzuführen«. Über den ersten Test auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf südlich von Gotha am 3.März 1945 liegt ein Augenzeugenbericht vor. Ein Blitz habe die Landschaft hell erleuchtet, eine schlanke Säule sich zu einem großen, wohlbelaubten Baum vergrößert, ein heftiger Windzug sei gefolgt. Ein weiterer Zeuge berichtete über das Schicksal von Häftlingen, die aus dem nahe gelegenen KZ Ohrdruf auf das Testgelände gebracht worden waren: Sie hätten Verbrennungen aufgewiesen, wie sie später aus Hiroshima bekannt wurden. Ein Halbtoter habe gesagt: »Großer Blitz – Feuer, viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da, viele mit großen Brandwunden, viele blind.« Bis zu 700 Tote, darunter SS-Männer, seien an Ort und Stelle verbrannt worden. Bewohner der Umgebung hätten in den folgenden Tagen über Kopfschmerzen geklagt und Blut gespuckt. Ein zweiter Test soll am 12. März 1945 stattgefunden haben.

Augenzeugenberichte gelten als schwierige Quellen, wenn das Ereignis weit zurückliegt. Die hier zitierten stammen von 1962. Karlsch ist es jedoch gelungen, ein zeitnahes Schreiben der sowjetischen Militäraufklärung aufzutun. Generalleutnant Iljitshov informierte Stalin mit Datum vom 23. März 1945 über »zwei große Explosionen« in Thüringen: »Vom Zentrum der Explosion wurden Bäume bis zu einer Entfernung von … 600 Metern gefällt.« Von Kriegsgefangenen, die sich im Explosionszentrum befunden hätten, sei keine Spur geblieben. Und: »Die Bombe enthält vermutlich U235 und hat ein Gewicht von zwei Tonnen.«

So weit die historischen Quellen. Außer im Hinblick auf Zeit und Ort sind sie überaus widersprüchlich: Eine Atombombe von zwei Tonnen hätte eine wesentlich größere Zerstörung zur Folge haben müssen. Umgekehrt hätten zwei Tonnen konventionellen Sprengstoffs keine Auswirkungen von den Ausmaßen bewirken können, wie sie durch den Geheimdienst und die Augenzeugen verbrieft sind. Wenn tatsächlich ein nukleares Ereignis stattgefunden hat, müssen sich heute noch vor Ort Spaltprodukte ausfindig machen lassen. Karlsch ließ Bodenproben analysieren. Uwe Keyser (Physikalisch-Technische Bundesanstalt) bestätigte das Vorhandensein teilweise drastischer Isotopenanomalien, die zu keinem bekannten nuklearen Ereignis passen und für die Tschernobyl als Ursache ausgeschlossen werden kann. Insgesamt fünf Physikprofessoren meinen, dass »in Ohrdruf Spuren eines nuklearen Ereignisses vorhanden« seien.

Was hier genau gezündet wurde, konnten bislang auch die Physiker nicht klären. Handelte es sich um eine »schmutzige Bombe«, bei der radioaktives Material mit konventionellem Sprengstoff über eine große Fläche verteilt und diese verstrahlt wird? Gegen diese Annahme spricht die Erklärung von Reinhardt Brandt (Universität Marburg), »dass während der Explosion auch deutlich Kernreaktionen mit Energiefreisetzung abgelaufen sind«. Auch eine »normale« Uranbombe ist unwahrscheinlich. Deutschland verfügte nicht über die erforderliche Menge angereicherten Urans. Karlsch wagt an dieser Stelle eine überaus schwierige Plausibilitätsüberlegung. Seine These gründet sich auf die Spitzenstellung der deutschen Hohlladungsforschung und den Wissensstand über thermonukleare Reaktionen. So wurde unter dem Leiter des Referats für Atomphysik der Forschungsabteilung des Heereswaffenamts, Kurt Diebner, an Fragen der Kernfusion gearbeitet. Im Oktober 1943 begannen Versuche, »Atomenergie durch Reaktionen zwischen leichten Elementen« freizusetzen. Dabei sollte schwerer Wasserstoff durch konventionellen Sprengstoff zur Fusion gebracht werden. Die Versuche scheiterten aus physikalischen Gründen.

Fügt man nun die in Deutschland für 1945 verfügbare Technik zusammen, ergibt sich nach Karlsch folgendes Bild: Im Zentrum eines Zylinders wurden eine starke Neutronenquelle – Polonium-Beryllium – und kleinste Mengen Lithiumdeuterid positioniert. Da das Prinzip der Neutronenrückstrahlung durch U238 bekannt war, könnte die Bombe damit ausgekleidet gewesen sein. Nach der Zündung des konventionellen Sprengstoffs konnte es zwar zu keiner sich selbst erhaltenden Kettenreaktion kommen. Aber auch bei »unterkritischen Anordnungen« kommt es zu Kernspaltungen, die sich – wie Karlsch vermutet – in Ohrdruf ereignet haben. Die Reaktion (Spaltung – Fusion – Spaltung) brach nach kurzer Zeit zusammen, woraus sich die vergleichsweise begrenzte Zerstörung erklärt.

Dank Rainer Karlsch wissen wir heute, welche Wissenschaftler bis 1945 intensiv an der Atombombe arbeiteten. Seine Überlegungen über die Art der nuklearen Ereignisse sind teilweise spekulativ und weisen Lücken auf, die es nun mit Hilfe weiterer Forschungen zu schließen gilt. Eine systematische Bestandsaufnahme der Überreste der nuklearen Ereignisse in den Testgebieten scheint zwingend geboten. Angesichts der Vielzahl offener Fragen und der Brisanz des Themas sollte ein interdisziplinäres Forschungsprogramm initiiert werden, in dem Physiker und Wissenschaftshistoriker gemeinsam die Frage klären, was genau im März 1945 in Thüringen explodierte. Helmut Maier

Der Autor arbeitet im Forschungsprogramm »Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus« der Max-Planck-Gesellschaft. Als Wissenschaftshistoriker hat er sich dabei auf die Rüstungsforschung spezialisiert. Rainer Karlsch hat sich während seiner Buchrecherche mit ihm beraten

Contra

Eine große Schwierigkeit, die Intention des iranischen Atomprogramms zu begreifen, rührt daher, dass es von rivalisierenden Gruppen betrieben wird. Man darf sich Nukleartechnologie eben nicht immer wie das zentralistische Manhattan-Projekt vorstellen, mit dem es Amerika gelungen war, die Atombombe zu entwickeln.

Das umstrittene Buch Hitlers Bombe von Rainer Karlsch zeigt dies anschaulich am Beispiel der Kernforschung unter den Nazis. Zwar war seit langer Zeit bekannt, dass es mehrere Physikergruppen gab, die an der Kernenergie arbeiteten, aber Karlsch zitiert neue Dokumente (unter anderem ein Patent Carl-Friedrich von Weizsäckers für eine Plutoniumbombe) und demonstriert, dass zumindest die Gruppe um den Experimentalphysiker Kurt Diebner ihre Arbeit ganz auf die Konstruktion einer »Wunderwaffe« konzentrierte. Deswegen schätzen Historiker wie der amerikanische Experte Mark Walker das in dieser Woche erschienene Buch.

Aber was ist mit Karlschs These, Diebner habe 1945 mit Erfolg eine Atombombe getestet? Da muss Walker passen: Er sei kein Physiker, und er habe dem Autor auch dringend davon abgeraten, das Wort »Atombombe« zu verwenden.

Die Bombe, von der Karlsch schreibt, hat eine merkwürdige Eigenschaft: Je näher man hinsieht, desto unwirklicher wird sie. Das liegt daran, dass der Autor einen semantischen Trick anwendet. Denn was ist überhaupt eine Atombombe? Im Wesentlichen eine Sprengladung, deren Wirkung auf einer nuklearen Kettenreaktion beruht. Aber verblüffenderweise schreibt Karlsch, zu einer Kettenreaktion sei es nie gekommen, denn den Nazis stand nicht genügend Spaltmaterial zur Verfügung. Dann aber schiebt er eine abenteuerliche Behauptung nach: Den Physikern unter Diebner sei es gelungen, mit konventionellem Sprengstoff und etwas Spaltmaterial eine Kernfusion zu zünden – ebenfalls ohne Kettenreaktion. Das aber sei eine Bombe von der Sorte gewesen, die Militärs »taktische Kernwaffen« nennen, oder auch »Gefechtsfeldwaffen«.

Einige Physiker träumten davon, mit Chemie eine Kernfusion zu zünden

Taktische Kernwaffen oder nukleare Gefechtsfeldwaffen sind jedoch nach allgemeinem Verständnis, nach Völkerrecht, Militärjargon und Ingenieurwissenschaft in aller Welt solche, deren Wirkung aus einer Kettenreaktion folgt. Was immer es war, das Diebner und Kameraden erprobten, es war gewiss keine Kernwaffe.

Karlschs Entgegnung auf solche Einwände: Es sei zu einer »Anfangsreaktion« gekommen. Also nicht zu einer nuklearen Explosion, wohl aber zu Spaltungs- und Fusionsprozessen. Indes, um eine Kernfusion zu zünden, wäre ja gerade eine Kettenreaktion des Spaltmaterials notwendig gewesen. Mit diesem Hinweis könnte es sein Bewenden haben, würde der Autor nicht ein weiteres Kaninchen aus dem Hut zaubern: die konventionelle Zündung von Fusionsprozessen. Dass deutsche Physiker es damals für möglich hielten, Atomkerne mit herkömmlichem, geschickt angeordnetem Sprengstoff zum Verschmelzen zu zwingen, ist bekannt; einer der Beteiligten, Friedwardt Winterberg, früher Adlatus von Diebner und heute Kronzeuge Karlschs, glaubt sogar immer noch daran. Auszuschließen ist es übrigens nicht, dass in ferner Zukunft eine Konfiguration neuartiger chemischer Explosivmittel erfunden wird, deren Gewalt die Abstoßungskräfte überwinden kann, die zwischen Atomkernen vorherrschen: Science-Fiction ist erlaubt.

Hätte Karlsch es bei dem Beleg belassen, dass Physiker damals so etwas bauen wollten und auch mit Anordnungen herumexperimentiert haben, dann wäre ihm Lob gewiss. Sic tacuisses! Stattdessen aber behauptet er, eine solche Waffe sei mit Erfolg getestet worden.

An dieser Stelle kommt der Begriff »schmutzige Bombe« ins Spiel. Hatten Hitlers Physiker wenigstens eine »schmutzige Bombe«? Auch diesmal sollte man sich vergewissern, wovon die Rede ist. Unter »dirty bombs« werden drei verschiedene Konstruktionen verstanden. Die erste ist eine Atombombe mit Beimischungen, die bewirken sollen, dass langlebige Strahler entstehen. Mangels einer Atombombe entfällt diese Variante. Die zweite ist eine normale Bombe, die radioaktive Substanzen verstreut. An solche Verseuchungswaffen hatten die Nazis gedacht; die von der Gruppe um Diebner eingesetzten Mengen radioaktiven Materials sprechen aber dagegen, dass sie daran arbeitete.

Mark Walker hält auch eine dritte Anordnung für möglich: eine mit etwas Spaltmaterial angereicherte konventionelle Bombe von solcher Gestalt und Gewalt, dass sie ein paar Spaltungen anregt, wodurch unangenehme Radionuklide entstehen. Sinn ergibt das allerdings ebenso wenig. Wenn es den Nazis auf Verseuchung angekommen wäre, warum das böse Zeug auf dermaßen umständliche Weise herstellen – und nicht im Labor, um es dann in konventionelle Fliegerbomben einzubringen?

Die Bastelei musste unbedingt als kriegswichtig eingestuft werden

Wie man es dreht und wendet: Die Physiker probierten zwar allerlei aus, doch von »Waffe« kann keine Rede sein. Was mag sie getrieben haben? Kurt Diebner hatte immer unter der Geringschätzung seitens der theoretischen Physiker wie Werner Heisenberg gelitten und wollte es einfach allen zeigen. Anderen aus seiner Gruppe war, wie Zeitzeugen berichten, hauptsächlich daran gelegen, nicht an die Front abkommandiert zu werden – also musste ihre Bastelei unbedingt als kriegswichtig erscheinen.

Dieter Hoffmann, Physiker und Wissenschaftshistoriker am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, hat mit Rainer Karlsch mehrmals über sein Projekt gesprochen und ihn darauf hingewiesen, dass es auch um solche und andere Interessen ging. Doch trotz dieser Warnungen, sagt Hoffmann, »lässt Karlsch es an Quellenkritik und Kontextualisierung vermissen. Viele Mosaiksteine hat er gefunden, aber ein falsches Bild zusammengesetzt.«

Solche Warnungen vor Fehl- und Überinterpretationen gab es etliche, auch von einigen derer, auf die der Autor sich heute beruft. Warum ließ er sich nicht beirren? Karlsch, ein – wie man so sagt – »abgewickelter«, aber bislang als seriös geschätzter Forscher, konnte seine Arbeit nicht im Rahmen gutachterlich abgesicherter Wissenschaftsverhältnisse verfolgen und schloss daher einen Pakt mit dem Teufel: mit Fernsehproduzenten und einem skrupellos agierenden Buchverlag. Nur so lässt sich erklären, dass der Autor irgendwann dazu überging, die Leistung seiner Archivarbeit durch unseriöses Vorgehen zu entwerten, etwa durch Anleihen aus der Verschwörungsliteratur.

Der krasseste Fall sind die Bodenproben, auf die er sich beruft. Die ersten wurden entnommen und analysiert von Leuten, die sich schon in früheren Fällen mit Verschwörungstheorien lächerlich gemacht haben. Der im Buch als Zeuge angeführte Forscher der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt hat deren Material ebenfalls analysiert und tatsächlich erhöhte Aktivität gefunden – woraufhin er aber erst einmal selbst loszog, um eigenhändig Proben zu ziehen. Sein Ergebnis steht indessen noch aus. Kein Wort davon in Hitlers Bombe.

Sei’s drum: »Das Deutsche Reich stand kurz davor, den Wettlauf um die erste einsatzfähige Atomwaffe zu gewinnen«, dröhnt die Deutsche Verlags-Anstalt. Auch ein Beitrag zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Gero von Randow

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