Rätsel um Nummer 21- Im Jonastal und seiner Umgebung harren noch immer die Geheimnisse der Vergangen – vom 14.07.2003

Thüringer Allgemeine – Montag, 14. Juli 2003

Längst sind nicht alle Geheimnisse gelüftet, die sich in Thüringens Regionen verbergen. Ob Kunstschätze oder die so genannten Wunderwaffen aus den letzten Tagen des Dritten Reiches – zu allem finden sich Theorien über den Verbleib, die hierher verweisen. Vor allem das Jonastal bei Arnstadt und seine Umgebung stehen dabei immer wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit.


Rätsel um Nummer 21

Im Jonastal und seiner Umgebung harren noch immer die Geheimnisse der Vergangenheit auf ihre Enthüllung

Thüringer Allgemeine – Montag, 14. Juli 2003

Bildunterschrift:
Wer nicht weiß, wonach er sucht, wird Nummer 21 im Unterholz des Waldes bei Angelroda ganz gewiss nicht finden.
TA-Foto: S. FROMM

Längst sind nicht alle Geheimnisse gelüftet, die sich in Thüringens Regionen verbergen. Ob Kunstschätze oder die so genannten Wunderwaffen aus den letzten Tagen des Dritten Reiches – zu allem finden sich Theorien über den Verbleib, die hierher verweisen. Vor allem das Jonastal bei Arnstadt und seine Umgebung stehen dabei immer wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit.

„Es ist doch legitim, nach dem Bernsteinzimmer zu suchen“, sagt Hans-Joachim König. Allerdings möchte der Arnstädter nicht in einen Topf mit Schatzsuchern geworfen werden. König gehört zur Geschichts- und Technologiegesellschaft Jonastal. Dieser im Juni 2001 gegründete Verein hat mittlerweile 70 Mitglieder. Das Spektrum reicht vom Buchautoren und Hobbyhistoriker natürlich auch zum Wochenendhöhlenforscher mit Metalldetektor.

Letztere sind, wenn sie allzu forsch vorgehen, ein Problem für den Ruf der Vereinigung. Die hat sich zum Ziel gesetzt, die vielfältigen Aktivitäten im Umfeld des Jonastals zu bündeln. Und legt dabei Wert auf Seriosität. „Wollen wir ernst genommen werden, muss die Quellenlage stimmen“, sagt König kategorisch.

Auf Forschungsergebnisse professioneller Historiker kann dabei nicht gebaut werden. Die machen einen weiten Bogen um den Landstrich, um dessen Geschichte sich so viele Mythen ranken. Umso mehr Material findet sich bei Heimatforschern wie Hans-Joachim Frank aus Geschwenda. Der durchstreift schon seit DDR-Zeit die Wälder um das Jonastal und die Umgebung seines Heimatortes. Daneben sammelt er Aussagen von Zeitzeugen und verfügt inzwischen über eine umfangreiche Sammlung von Akten.

In seinem kleinen Arbeitszimmer hat neben den Ordnern auch ein Computer Platz gefunden. Zur Auswertung von Luftbildern, sagt er und weist mit dem Zeigefinger auf den Monitor. Für den ungeübten Beobachter kaum erkennbar ist auf dem Luftbild vom Herbst 1944 ein Pfeil in der Vegetation des Waldes bei Gräfenroda zu sehen. Aber: Auf einer Aufnahme der selben Gegend vom 22. März 1945 ist das Phänomen verschwunden.

Eine Laune der Natur, könnte man meinen. Nicht für Hans-Joachim Frank. Zeigt doch der Pfeil auf eine Stelle, die auch auf der Karte eingezeichnet ist, die an der Wand seines Arbeitszimmers über dem Computer hängt. Hinrich Uhden, Hauptsturmführer der SS von Hitlers Leibstandarte, soll gegen Ende des Zweiten Weltkrieges mehr als 40 Punkte auf jenem Blatt eingezeichnet haben, das das Jonastal und den Thüringer Wald bis nach Ilmenau zeigt.

Auch die Karte ist von einem Mythos umgeben: Zwei Exemplare soll es geben und ein Heft mit der Beschreibung aller Markierungen darauf. Dieses Heft ist ebenso verschollen wie das zweite Kartenblatt. Man kann wohl nur rätseln, was sich hinter den geheimnisvollen Zeichen verbirgt, die auf dem Exemplar eingezeichnet sind, das ein Gräfenrodaer, bei dem Uhden seinerzeit abgestiegen war, dem Forscher Frank übergab.

Da ist zum Beispiel Nummer 21. Im Wald in der Gegend von Angelroda gelegen. Wer nicht weiß, wonach er sucht, der wird die Stelle im dichten Unterholz nicht finden. Geröll und Erde – ein abgerutschter Hang wie so viele hier.

Das geübte Auge Franks findet indes aufschlussreiche Details: Die Kanten der wie zu einem Portal aufgeschichteten Steine sind zu glatt, um natürlich zu erscheinen.

Und Stachelbeerbüsche mitten im Wald. Zufall? Vielleicht. Andererseits finden solche Büsche sich ausgerechnet immer wieder an den Stellen, die auf Franks Karte markiert sind.

Welches Geheimnis verbirgt Nummer 21? Der Heimatforscher zuckt mit den Schultern. Von Gold und Wertgegenständen über technische Ausrüstungen bis hin zum Bernsteinzimmer fände sich für jede Variante eine passende Theorie.

Es scheint einige zu geben, die dem auf den Grund gehen wollen. Denn nachdem Frank die Stelle vor einigen Jahren noch unversehrt vorfand, hat zwischenzeitlich jemand versucht, sich mit Hacke und Spaten Gewissheit zu verschaffen. Vergebens, denn um die Steinblöcke bei Seite zu schaffen, die den Eingang versperren, braucht es schon schwere Technik.

Franks Aufmerksamkeit richtet sich derweil auf ein anderes Objekt in der Nähe von Gossel. Dort hat er auf Thermoluftbildern kerzengerade unterirdische Gänge ausgemacht. Was sich darin befinden könnte? Auch dazu nur Schulterzucken. Er gehöre nicht zu denen, die spekulieren. Sagt nur: „Ich suche nicht nach dem Bernsteinzimmer.“

Nach seinen Recherchen befand sich in der Nähe der Gänge eine so genannte Einlagerungsstelle, die von Zeitzeugen als das „Wertelager“ bezeichnet wird. Bereits seit 1943 sollen in der Gegend demnach zielgerichtet unterirdische Depots angelegt worden sein. Mit behördlicher Genehmigung will Frank nun die Stollen bei Gossel öffnen, um seine Theorie zu bestätigen oder – das ist sein Risiko – zu widerlegen.

Andere sind da weniger zimperlich, sie graben auf eigene Faust und steigen auch in Stollen ein, die es nach Auffassung professioneller Wissenschaftler gar nicht geben dürfte. So existieren Videos von verschütteten unterirdischen Anlagen im Jonastal abseits der bekannten Stellen. Nach 30 Metern ist das Geröll allerdings so dicht, dass ein weiteres Vordringen ohne geeignete Technik unmöglich ist. Vielleicht eine weitere Spur zu den Geheimnissen der Bauten im Tal, deren Zweck bis heute im Dunkel liegt.

Solche Zeugnisse zu sammeln und für die Forschung nutzbar zu machen, hat sich der Jonastal-Verein ebenfalls als Ziel gesetzt. Und anders als die vielen Schatzsucher hat dessen Vorstand auch nicht aus den Augen verloren, dass beim Errichten jener Anlagen tausende KZ-Häftlinge zu Tode gequält wurden. An sie soll künftig eine neue Gedenkstätte erinnern.

13.07.2003 Von Thomas ROTHBART