Thüringens Atomgeheimnis – Hatte Hitler eine Atomwaffe oder nicht? – vom 09.03.2005

Quelle: Freies Wort am 09.03.2005

09.03.2005
NEUE ERKENNTNISSE – Thüringens Atomgeheimnis

In der Nähe von Arnstadt wurde nicht nur nach dem Bernsteinzimmer gesucht (Foto), hier sollen die Nationalsozialisten im Frühjahr 1945 mindestens eine Atombombe gezündet haben. – FOTO: dpa

VON RAINER ASCHENBRENNER
OHRDRUF – Hatte Hitler eine Atomwaffe oder nicht? Die Frage wird seit Jahren gestellt. Antwort darauf soll sich auch in Thüringen, im Dreieck zwischen Ohrdruf, Arnstadt und Wechmar im Landkreis Gotha, finden lassen.
Dort, auf dem seit Kaisers Zeiten genutzten Truppenübungsplatz, sei im Frühjahr 1945 mindestens eine Atombombe gezündet worden. Das behauptet der Suhler Hobbyhistoriker Thomas Mehner schon seit etlichen Jahren, hat dazu auch publiziert. Jetzt bekommt er Schützenhilfe: Am 14. März erscheint „Hitlers Bombe“ vom Berliner Historiker Dr. Rainer Karlsch auf dem Buchmarkt.

Karlsch habe bislang unveröffentlichte Quellen ausgewertet und stütze sich auf physikalische Gutachten und Messungen, ist einem Prospekt der Deutschen Verlagsanstalt zum Buch zu entnehmen. „Das Deutsche Reich stand kurz davor, den Wettlauf um die erste einsatzfähige Atomwaffe zu gewinnen.“

Karlschs Hypothese findet internationale Anerkennung. Der US-amerikanische Historiker Mark Walker, Experte für die Atomwaffenentwicklung in der Zeit des Nationalsozialismus, erklärte laut dpa: „Ich halte seine Beweisführung für sehr überzeugend.“

Walker, der Geschichtsprofessor an einem College im US-Bundesstaat New York ist, geht davon aus, dass diese Nuklearwaffe viel kleiner als jene gewesen sein müsse, die über Hiroshima und Nagasaki zum Einsatz kamen. Er meint eher, dass es eine so genannte schmutzige Bombe gewesen wäre – also eine mit eher geringen Mengen radioaktiven Materials, das von großen Mengen konventionellen Sprengstoffs umhüllt wird.

Dem widerspricht Thomas Mehner: „Ich denke, die getestete Atombombe war so klein und ist deshalb heute schwer nachweisbar, weil sie vielmehr nur der Zündmechanismus für eine Wasserstoffbombe war. Die war das eigentliche Entwicklungsziel der Deutschen.“ Trotzdem fühlt er sich sowohl von den Ansichten des Amerikaners als auch von Karlsch „in gewisser Weise“ in seinen Ansichten bestätigt. Deshalb erwarte er das neue Buch auch mit Spannung. „Als Lokalhistoriker arbeiten wir nebenberuflich, in unserer Freizeit. Karlsch hat da ganz andere materielle und finanzielle Möglichkeiten.“ Er selbst habe 2001/2002 „lockere Kontakte“ zum Berliner gehabt, sei aber zum aktuellen Buch nicht direkt befragt worden.

Thomas Mehner hatte zur Untermauerung seiner Hypothese in der Nähe Röhrensees schon Strahlenmessungen durchführen lassen. Die Ergebnisse wurden sehr verschieden interpretiert. Ausgangspunkt für seine Recherche dort waren „Luftbildaufnahmen aus einer professionellen Quelle, einem Archiv in Würzburg.“ Die seien zwar widersprüchlich gewesen, „aber es gab deutliche Geländeveränderungen“. Die geheimnisumwitterten hellen Stellen könnten Folgen der Explosion sein oder aber Hinweise darauf, dass man deren Spuren habe beseitigen wollen. „Das kann man so einfach nicht sagen.“

Dietmar Staude sieht das ganz anders. Der Diplomgeologe gilt deutschlandweit als einer der versiertesten Luftbildauswerter. „Bei vernünftiger Bildqualität lässt sich mit Sicherheit feststellen, ob diese Veränderungen durch die Hitze einer Explosion erzeugt wurden.“ Staude leitet in Gera die Niederlassung der Dr. Weßling GmbH. Die war unter anderem beauftragt worden, Luftbildauswertungen für Bereiche des Truppenübungsplatzes zu machen. Er verfügt daher über zahlreiche Luftbilder aus der umstrittenen Zeit. „Mit Hilfe unseres Referenzmaterials lässt sich erkennen, ob dort ein Bombentest durchgeführt wurde.“ Er schließt zudem aus, dass die Deutschen versucht haben könnten, die Explosionsfolgen zu beseitigen oder zu tarnen. „Der Krieg war fast aus, die wollten die Waffe zum Einsatz bringen“, ist sein Argument.

Mehner führt für seine Theorie etliche Zeugenaussagen ins Feld. Manche von ihnen sind gar notariell beglaubigt und fanden Eingang in das Buch „Geheime Reichssache: Thüringen und die deutsche Atombombe“. So habe eine inzwischen verstorbene Frau, die damals auf der Wachsenburg bei Röhrensee lebte, eines Nachts einen extrem hellen Blitz gesehen. Zudem verfüge er über ein Kartenoriginal, in dem der Explosionsort eingezeichnet sei.

Thomas Mehner treiben auch heute noch „die Widersprüche in der Geschichtsschreibung“ an. Irgendwann später, so sagt er, werde es auch wieder ein neues Buch von ihm geben. „Jemand, mit dem ich recherchiert habe“, werde es herausgeben. „Wir haben nämlich Stücke gefunden, die auch Karlsch nicht hat. Ich bin sicher, es sind noch nicht alle Standorte ausgekundschaftet.“ Jetzt bleibe abzuwarten, wie das neue Buch die öffentliche Diskussion beeinflussen werde.

Fakt ist: Die Zahl der lebenden Zeugen wird immer geringer. Mögliche Irrtümer oder verfälschte Erinnerungen kann niemand ausschließen. Fakt ist aber auch: Immer noch haben die Archive der CIA und anderer Nachrichtendienste nicht all ihre Geheimnisse offenbart. Das nährt eben jene mystische Atmosphäre.