Aktuelle Veröffentlichungen zur Rüstungsforschung im Dritten Reich: Legitime Fragen und kühne Schlußfolgerungen
Michael Wiesberg

Allein 340.000 Patente erbeuteten die Alliierten in Deutschland, und mehr als 200.000 Auslandspatente wurden kostenlos weggenommen. Das Ausland selbst hat den Wert geistiger Güter des deutschen Volkes auf 1.500 Milliarden Mark geschätzt, wobei zugegeben wurde, daß zahllose Patente nicht abzuschätzen sind und ihr Wert allein in die Milliarden Dollar ginge“, schreibt Rudolf Lusar in seinem Buch „Die deutschen Waffen und Geheimwaffen des 2. Weltkrieges und ihre Weiterentwicklung“.

Beispiellos ist bis heute nicht nur die geistige Ausplünderung Deutschlands durch die Alliierten am Ende des Zweiten Weltkrieges, sondern auch die Tatsache, daß staatliche Stellen in Deutschland bis heute keinerlei Regungen zeigen, diesen völkerrechtswidrigen Diebstahl in allen seinen Konsequenzen aufzuhellen. Auch die etablierte Geschichtsschreibung sieht augenscheinlich keine Notwendigkeit, die vielfältigen Hochtechnologie-Projekte des Dritten Reiches zu erforschen. Die meisten Arbeiten bescheiden sich mit Hinweisen auf die deutschen V-Waffen und die Me 262. Damit ist aber noch nicht einmal die Spitze des Eisberges erfaßt. Daß Deutschland in der Zeit des Zweiten Weltkriegs über einen großen Vorsprung im Bereich der Hochtechnologie verfügte, zeigen die fieberhaften Aktivitäten der alliierten Geheimdienst- und Militärstellen, die alle möglichen Anstrengungen entfalteten, um den Stand deutscher Forschungsprojekte auszuspionieren. Verrat und entsprechende Aufklärungstätigkeit eingeschleuster Agenten ermöglichten den Alliierten immer wieder, an wichtige Informationen heranzukommen.

Im weiteren Kriegsverlauf wurden aber mehr und mehr Anlagen in den Untergrund verlegt, was die alliierte Spionagetätigkeit vor erhebliche Probleme stellte. Es wundert daher nicht, so Karl-Heinz Zunneck in seinem Buch „Geheimtechnologien 2“ (Suhl 1999), daß „insbesondere die US-Truppen versuchten, nachdem sie deutschen Boden erreicht hatten, in Eilvorstößen an Orte zu gelangen, wo man Hochtechnologie vermutete“. Zunneck nennt in diesem Zusammenhang zum Beispiel den Raum Truppenübungsplatz Ohrdruf-Jonastal (Thüringen) und das Gebiet der kaum bekannten SS-Forschungsanlage bei Skoda/Prag. Was die US-Army an diesen Orten gefunden hat, ist bis heute nicht bekannt. Zunneck kommentiert: „Die Menge des Materials, das sich bis heute noch unter Verschluß befindet, kann nicht einmal annähernd geschätzt werden. Es müssen – mindestens – viele zehntausend Tonnen Papier sein, die man den Augen der Öffentlichkeit verbirgt.“ Den Alliierten, so schlußfolgert Zunneck, schien „kein Aufwand zu groß zu sein, um an das Wissen deutscher Forschungs- und Dienststellen zu gelangen und es später zu konservieren“.

Zunneck und dem Verleger des CTT-Verlages in Suhl,Thomas Mehner, ist es zu verdanken, daß die Kenntnisse über die Hochtechnologie-Projekte des Dritten Reiches mehr und mehr Kontur gewinnen. Daß viele Schlußfolgerungen, die etwa Zunneck anstellt, beim derzeitigen Forschungsstand keinesfalls mehr als Hypothesen sein können, liegt in der Natur der Sache. Zu viele Dokumente sind 1945 verschwunden und lagern heute entweder in den USA oder in Rußland. Dennoch sind in den letzten zehn Jahren eine Reihe sehr aufschlußreicher Dokumente veröffentlicht worden. Zunneck berichtet z.B. über Mikrofilmrollen, die im Albert F. Simpson Historical Research Center der Maxwell Air Force Base (Alabama) aufbewahrt werden. Eine von Thomas Mehner vorgenommene Auswertung derjenigen Dokumente, die deutsche V-Waffen, Untergrundanlagen und Kompetenzbereiche der involvierten deutschen Experten zum Inhalt haben, ergab nach Zunneck, daß die alliierte Seite „aufgrund eines weitreichenden Spionagenetzes und dem Verrat von deutscher Seite“ ziemlich genau „über die Standorte deutscher Waffenfertigungs- und Forschungsanlagen“ Bescheid wußte. „Ein besonderes Interesse“, so Mehner, „bestand darin, herauszufinden, wie weit die Deutschen im Flugzeug- und Raketenbau gelangt waren. Hier fühlten sich die alliierten Stellen besonders bedroht.“

Die US-Army und die mit ihm kooperierenden Geheimdienste warfen primär ein Auge auf die Mitglieder des Reichsforschungsrates bzw. dessen Planungsamt, das erst 1944 eingerichtet wurde, weil, so Zunneck, die „Zersplitterung der Kräfte auf dem Gebiet Forschung und Entwicklung“ erhebliche Probleme bei der Entwicklung der neuen Waffentechnologien mit sich brachte. Leiter des Planungsamtes war der Sachse Werner Osenberg, seit 1938 Professor an TH Hannover, ein Spezialist für Automationstechnik und Fertigungsverfahren, den die Amerikaner nach Kriegsende ausfindig machen konnten. Zunneck beschreibt die Bedeutung von Osenbergs Wissen wie folgt: „Osenbergs Planungsamt führte Buch über zahlreiche Entwicklungsarbeiten, ihren Standort, ihr erreichtes Niveau und die beteiligten Mitarbeiter. Den Amerikanern fiel eine Liste mit 15.000 Namen deutscher Technologieexperten in die Hände – komplett mit Adressen und Tätigkeitsfeldern der betreffenden Personen.“

Ein völlig neues Licht auf die Schlußphase des Zweiten Weltkrieges wirft eine Aussage Osenbergs, die im „Evaluation Report 20“ vom 17. Mai 1945 (Combined Intelligence Committee [CIC] Nr. 75/13) festgehalten ist: Osenberg teilte in dieser Aussage mit, „daß der Krieg, hätte er sechs Monate länger gedauert, die Deutschen in die Lage versetzt hätte, einen Großteil ihrer neuen Entwicklungen gegen die Alliierten einzusetzen und aufgrund dieser technischen Überlegenheit den Kriegsverlauf umzukehren“. Mit Recht fragt Zunneck: „Was mußten deutsche Stellen in Planung und Entwicklung haben, um eine solche Aussage des ansonsten eher nüchtern wirkenden Dr. Osenberg zu rechtfertigen?!“

Bevor ein kurzer Überblick über diese Entwicklungen gegeben werden kann, darf nicht unerwähnt bleiben, daß selbst Osenberg nicht alle Entwicklungen kannte, betrieb doch die SS in perfekt getarnten Forschungslabors in Skoda in Prag ebenfalls Hochtechnologieprojekte, über deren Inhalte und Ziele bisher so gut wie nichts bekannt geworden ist. In Zusammenhang mit diesen Projekten fällt immer wieder der Name des SS-Obergruppenführers Dipl.-Ing. Hans Kammler, der diese Projekte leitete. Zunneck charakterisiert Kammler wie folgt: „Da Kammler aufgrund der späteren Kriegs- und Wirtschaftsentwicklung die gesamte V-Waffenproduktion als auch den Bau von Bunkersystemen verantwortlich übernahm, wurde er zu einem der mächtigsten Männer des Dritten Reiches. Er verfügte am Schluß über einen sogenannten ZbV-Stab, der weitreichende Befugnisse hatte …“

Geht es nach Zunneck und Harald Fäth („1945 – Thüringens Manhattan Project“; „Geheime Kommandosache S III Jonastal“), dann leitete eben jener Kammler die wohl kühnsten Geheimprojekte des Dritten Reiches. Fäth versucht in seinen beiden Büchern, die ebenfalls im CTT-Verlag erschienen sind, zu beweisen, daß im thüringischen Jonastal an einer deutschen Kontinentalrakete mit nuklearem Gefechtskopf (der sogenannten „Amerika-Rakete“) gearbeitet wurde. Die Indizien, die Fäth vorträgt, sind beeindruckend. Selbst bei einer vorsichtigen Abwägung der Fakten kann nicht mehr ausgeschlossen werden, daß Deutschland 1944/45 über Atomwaffen verfügt haben könnte. Als zumindest erschüttert muß die These gelten, daß deutsche Atomphysiker absichtlich den Bau einer deutschen Bombe vereitelten. Auch gegenüber dem von US-Behörden nach und während des Krieges verbreiteten Bild, die deutsche Atomforschung habe deutlich hinter dem Stand der amerikanischen Forschung zurückgelegen, ist Skepsis angebracht. Versucht Fäth doch aufzuzeigen, daß den Amerikanern der entscheidende Sprung zur Realisierung einer eigenen Atombombe erst gelang, nachdem sie deutscher Wissenschaftler und wissenschaftlicher Dokumente habhaft werden konnten. Für Fäths Thesen spricht vielleicht auch die befremdlich wirkende Äußerung des wissenschaftlichen Leiters des amerikanischen Atombombenvorhabens „Manhattan Project“, Robert Oppenheimer. Dieser erklärte, daß die auf Hiroshima geworfene Bombe „deutscher Herkunft“ gewesen sei.

Dürften schon Fäths Thesen vor dem Hintergrund des erreichten Standes zeit- und wissenschaftshistorischer Forschung recht abenteuerlich klingen, gilt dies in gesteigertem Maße für die Recherchen und Schlußfolgerungen, die Karl-Heinz Zunneck in seinen Publikationen anstellt. Zunneck ist der Überzeugung, daß auf dem Gebiet des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren an Flugscheiben bzw. -kreiseln gearbeitet wurde. Hier sollte man eigentlich mißtrauisch werden, da deutsche „Flugscheiben“ sich bekanntlich als Topos in sinistrer Verschwörungsliteratur finden. Nach Zunneck soll dieses Projekt gegen Kriegsende unter die Federführung der SS, namentlich unter die Kammlers, geraten sein. Zunneck versucht mit einer Reihe von Belegen, eine Verbindung zwischen diesem Forschungsvorhaben und bestimmten UFO-Phänomenen in den USA in der Nachkriegszeit herzustellen. Seiner Auffassung nach haben die Amerikaner deutsche Forschungen auf diesem Gebiet weiterbetrieben. Mit anderen Worten: diejenigen Augenzeugen, die insbesondere in den ersten Nachkriegsjahren der Auffassung waren, „außerirdische Flugobjekte“ gesichtet zu haben, wären in Wirklichkeit Augenzeugen höchst „irdischer“ Phänomene geworden.

Daß deutsche Techniker an vielen futuristisch anmutenden Flugobjekten arbeiteten, ist immerhin evident. Es sei in diesem Zusammenhang nur auf das Lippisch-Projekt DM-1, an den Nurflügler Horten Ho IX (Go 229 V3) oder den Raketengleiter „Natter“ verwiesen. Alle diese Projekte fielen den Amerikanern in die Hände. Es bedarf, vergleicht man heute den amerikanischen Tarnkappenbomber B2 mit der Horten Ho IX, keiner großen Kombinationsgabe, um verblüffende Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Flugobjekten festzustellen.

Doch zurück zu den deutschen Flugscheiben bzw. -kreiseln. Daß die deutsche Hochtechnologie auf diesem Gebiet weit vorangeschritten sein könnte, suggeriert ein Interview mit Oberingenieur Georg Klein, dem ehemaligen Sonderberater des Rüstungsministers Albert Speer. Zunneck dokumentiert dieses in der Welt am Sonntag vom 26. April 1953 publizierte Gespräch in seinem Werk „Geheimtechnologien 2“. Auf die Frage nach dem Phänomen der „fliegenden Untertassen“ antwortete Klein: „Für den Fachmann handelt es sich hier keineswegs um eine ganz neue Entwicklung. Konstruktionen dieser Art wurden während des letzten Krieges zumindest auch in Deutschland bereits als Versuchsmuster entwickelt. Ich selbst war am 14. Februar 1945 in Prag Augenzeuge eines ersten Starts einer bemannten Flugscheibe. Diese Versuchsmaschine erreichte im Steigflug eine Höhe von 12.400 m innerhalb von drei Minuten und entwickelte eine Spitzengeschwindigkeit von 2.200 km/h.“ Und weiter: „Gegen Ende 1944 waren drei verschiedene Konstruktionen fertiggestellt. Den einen Typ hatte der bekannte V-Waffen-Konstrukteur Miehte entwickelt, er bestand aus einer diskusähnlichen, nicht rotierenden Scheibe von 42 Metern Durchmessern. Im Gegensatz dazu drehte sich bei den Konstruktionen von Habermohl und Schrieber ein breitflächiger Ring um eine feststehende, kugelförmige Pilotenkabine. Dieser Ring war durch verstellbare Flügelblätter mehrfach unterteilt und ermöglichte damit einen senkrechten Start und eine ebensolche Landung.“

Auf die Frage, was aus diesen Projekten geworden sei, antwortete Klein, daß die Flugscheibe samt den Konstruktionsplänen kurz vor dem Einmarsch der Sowjets vernichtet wurde. In Breslau jedoch fielen ein Versuchsmuster von Miehte sowie dessen engste Mitarbeiter den Sowjets in die Hände. Miehte selber, der sich mit einer Me 163 aus Breslau flüchten konnte, soll für die USA tätig geworden sein. Von Habermohl und seinen Mitarbeitern fehle seit der Besetzung Prags jede Spur. Der Konstrukteur und Einflieger Schriever verstarb kurz vor dem Interview mit Klein.

Zunneck beschränkt sich in seinen Darstellungen keineswegs auf die Flugscheiben. Der Bogen, den er schlägt, ist beeindruckend: er umfaßt ballistische Flugkörper, die bereits angesprochenen Nurflügel-Konstruktionen, „Motorstoppmittel“, Schallkanonen, Strahlenwaffen und anderes mehr.

Daß Zunneck hier und da bei seinen Mutmaßungen darüber, warum die Geheimhaltung über diese Projekte bis heute aufrechterhalten wird, weit über das Ziel hinausschießt, sollte nicht den Blick für die legitimen Fragen verstellen, die Zunneck und Fäth aufwerfen. Sie weiten den Blick für eine Phase deutscher Hochtechnologieforschung, die offenbar ihresgleichen sucht – und das, obwohl die Zeit, in der sie möglich war, zu den dunklen Kapiteln deutscher Geschichte gehört.

 

  • HaraldFäth: 1945 – Thüringens Manhattan Project. Auf der Spurensuche nach der verlorenen V-Waffenfabrik in Deutschlands Untergrund, CTT-Verlag, Suhl 1997, 192 Seiten, 29,80 Mark
  • Ders.: Geheime Kommandosache – S III Jonastal und die Siegwaffenproduktion, CTT-Verlag Suhl 1999, 232 Seiten, 34,80 Mark
  • Karl H. Zunneck: Geheimtechnologien, Wunderwaffen und die irdischen Facetten des UFO-Phänomens. 50 Jahre Desinformation und die Folgen, CTT-Verlag, Suhl1998, 324 Seiten, 29,80 Mark.
  • Ders.: Geheimtechnologien 2.Militärische Verwicklungen, öffentliche Manipulationen und die Herkunft der „UFOs“, CTT-Verlag, Suhl 1999, 328 Seiten, 36,80 Mark

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 24/00 09. Juni 2000, Link zum Artikel

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