Thüringer Wald gehört zu den extrem radonbelasteten Gebieten im Freistaat – vom 16.08.2004

Quelle: Thüringer Allgemeine vom 16.08.2004
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Grenzwert

Radon kann in hohen Dosen Krebs erregend sein. Wo das auftreten könnte, weiß die Thüringer Regierung seit 1995. Die Karte mit den Verdachtsgebieten blieb aber jahrelang im Schreibtisch und wurde erst vorige Woche ins Internet gestellt, auf Druck von außen.

Das Quellwasser sprudelt in seinen Keller, unablässig. Aber Dieter Kempe bleibt ruhig: „In einem vor fast 100 Jahren erbauten Haus muss man damit leben.“ Der 57-jährige Hausherr in Neustadt am Rennsteig hat Rinnen gebaut, damit das Wasser in den Garten fließen kann. Eine Betonbodenplatte aber gibt es nicht in dem Keller, Radongas kann ungehindert aus dem Boden ins Haus kriechen. „Daran hab ich noch gar nicht gedacht“, sagt der Rentner. Ruhig klingt das längst nicht mehr.

Fragende Blicke und Kopfschütteln auch in Großbreitenbach, Oberhof und Schmiedefeld: „Mit diesem Gas“, meint Sabine Eichhorn, „haben doch nur die Leute in Ostthüringen und im Erzgebirge zu kämpfen.“ Ein Irrtum: Wie das ehemalige Bergbaugebiet um Ronneburg gehört auch der Thüringer Wald zu den extrem radonbelasteten Gebieten im Freistaat. Der dortige Granit ist sehr uranhaltig, bei dessen Zerfall entsteht das Edelgas.

Aber woher sollten die Leute im Thüringer Wald auch von der Gefahr wissen? Das Umweltministerium hat zwar eine Karte mit Verdachtsgebieten 1995 im Umweltbericht veröffentlicht, seitdem informierte die Behörde jedoch nicht mehr über das Problem: „Die Karte ins Internet zu stellen, daran hat niemand gedacht“, sucht Referatsleiter Harald Frey nach einer Erklärung. Und: „Es wurde wohl als nicht so wichtig erachtet.“

Unter Druck geriet die Thüringer Landesregierung, nachdem „Stiftung Warentest“ eine weitere Studie zur Radon-Bodenbelastung veröffentlicht hat. Im Thüringer Wald wurden durchgehend mehr als 100 000 Bequerel pro Kubikmeter gemessen. Je nach Bausubstanz können bei diesen hohen Werten in Häusern durchaus mehr als 1000 Bequerel auftreten. Das Lungenkrebsrisiko ist dann doppelt so hoch wie in Häusern mit der in Deutschland normalen Radonkonzentration von 50 Bequerel. Experten führen etwa sieben Prozent der jährlich 35 000 Lungenkrebstoten in Deutschland auf Radon zurück.

Im Thüringer Landesamt für Umwelt und Geologie versucht man zu beruhigen: „Überall dort, wo wir glauben, dass es gesundheitliche Probleme geben könnte, überwachen wir“, sagt Referatsleiterin Karin Trier. In Ostthüringen gibt es 17 Messstationen, für weitere im Thüringer Wald fehle das Geld.

Ab welchem Radongehalt in der Innenluft ein Haus saniert werden sollte, ist seit Jahren Streitthema zwischen den Bundesländern. Eine Radon-Baurichtlinie ist angekündigt, aber noch immer nicht in Kraft. Thüringen präferiert einen Wert von 1000 Bequerel, andere Länder fordern Taten schon bei 100 Bequerel. „Wir sind keine Bremser, das muss nämlich auch alles mit Vernunft passieren“, begründet Frey die Thüringer Position. Es könne doch nicht sein, dass letztlich jedes zweite Haus saniert werden muss. Nun droht ein Kompromiss auf kleinstem Nenner.

Dieter Kempe bleibt die Ungewissheit: Denn weder für eine Radonmessung noch für eine Sanierung hat er Geld.

16.08.2004 Von Kristin KAISER

INFO http://www.tlug-jena.de/contentfrs/fach_07/index.html