Ungeliebte Olga – vom 08.08.2003

(c) Thüringer Allgemeine, Freitag, 08. August 2003

In dutzenden von Büchern, auf Vorträgen, Exkursionen und in Internet-Foren wird derzeit die Frage diskutiert, was zwischen Arnstadt und Ohrdruf in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs passierte. Die Mystik des Jonastals zieht immer mehr Menschen in ihren Bann. Nur die offiziellen Stellen wollen davon nichts wissen. Und verpassen damit die Chance, von der Entwicklung zu profitieren.

Einen „Lichtball“, habe er beobachtet, etwa 30 bis 40 Zentimeter groß, der sich im Fernglas als „kleine Scheibe mit vier nach unten gerichteten Scheinwerfern“ darstellte. Die Nadel des Kompasses sei sofort in die Richtung des Objekts gewechselt. Und später habe ihn sogar ein „in Bodenhöhe fliegendes Gerät“ direkt angegriffen.

Das schreibt ein angeblicher Augenzeuge im Internet. Ort der Beobachtung ist allerdings nicht eine der Ufo-Hochburgen in den USA, sondern „unweit der Landstraße zwischen Holzhausen und Bittstädt“ bei Arnstadt, mitten in Thüringen. Und erst vor wenigen Jahren.

An der Authentizität sind einige Zweifel erlaubt. Aber die Berichte über solche Beobachtungen rund um den Truppenübungsplatz Ohrdruf nehmen zu, nicht nur im Internet.

Die Geschichten ranken sich allesamt um die Geschehnisse in der Region während der letzten Monate des zweiten Weltkriegs und den Folgen, die bis in die Gegenwart reichen sollen. Der Schlüsselname dafür ist „Olga“. Die einen halten es für die Tarnbezeichnung eines der Hauptquartiere Hitlers im Jonastal, die anderen sehen darin eine Sammelbezeichnung für alles, was im Raum Ohrdruf -Luisental-Gotha-Arnstadt gebaut wurde. Zusammengefasst in den Anfangsbuchstaben der einzelnen Orte.

Nachgewiesen ist bereits eine ganze Menge. Im Jonastal wurden von KZ-Häftlingen bis zu 25 Stollen in den Berg getrieben. Auf der anderen Seite, bei Ohrdruf, gab es eine unterirdische Nachrichtenstation mit der Bezeichnung „Amt 10“. Eine weitere solche Anlage wurde auf der Nordseite bei Arnstadt begonnen, wie weit man kam, ist umstritten. Bei Gotha wurden die so genannten Nurflügler entwickelt und gebaut, hochkarätige Atomwissenschaft- ler experimentierten in Stadtilm bei Arnstadt im Keller einer Schule. Alles das spielte sich kurz vor Kriegsende ab, nachgewiesen durch Dokumente und zum Teil bis heute sichtbar. Doch alle, die sich mit Forschungen in diesem Gebiet befassen, sind sich zumindest in einem Punkt einig: Da war noch viel mehr.

Die kühnste These geht davon aus, dass in der Gegend in riesigen unterirdischen Anlagen Atomwaffen nicht nur entwickelt, sondern auch getestet wurden. Sogar ein konkretes Datum für einen Test im Frühjahr 1945 wird genannt. Britische Luftbilder sollen den Start einer deutschen Interkontinentalrakete vom Gelände einer Rüstungsfabrik nördlich von Arnstadt belegen. Und immer wird auch von der Möglichkeit gesprochen, einige der unterirdischen Anlagen könnten bis heute voll funktionsfähig sein.

Solche Geschichten finden überall ihre Zuhörer. Und der Tourismus in die betroffene Region boomt. Aber nur heimlich.

Denn die Städte und Gemeinden im „Olga“-Gebiet wollen von ihrer Vergangenheit und einer möglichen Aufarbeitung nichts wissen. Nicht einmal die Besitzverhältnisse werden klar beschrieben. „Die Zuständigkeit für das Objekt liegt heute beim Landratsamt des Ilmkreises“, behauptet das Thüringer Umweltministerium über die bekannten Stollen im Jonastal. „1994 wechselte die Zuständigkeit von den Landkreisen auf die Städte und Gemeinden“, sagt das Landratsamt.

Auf die Frage, ob es Untersuchungen im Gebiet gab, antwortet die zuständige Stadt Arnstadt, sie hätte keine veranlasst. Es lägen auch keine Informationen über Untersuchungen anderer Behörden vor. Das früher zuständige Landratsamt weiß allerdings von „Befahrungen unterirdischer Hohlräume“, Ergebnisse lägen beim Umweltministerium. Dort wiederum bedauert man. Der Öffentlichkeit könne dieses Material leider nicht zur Verfügung gestellt werden.

Solches Mauern facht nur den Jagdinstinkt der Olga-Forscher an. Theorien von einer Zusammenarbeit von Nazis, Amerikaner und Russen in dieser Gegend bis weit in die 50er-Jahre werden geschmiedet, auch gestützt durch die Tatsache, dass sich in amerikanischen Archiven große Lücken in der Jonastal-Frage auftun oder interessante Akten noch Jahrzehnte gesperrt sind.

Von einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der tatsächlichen Gegebenheiten ist man meilenweit entfernt. Die Forscher-Gruppen halten trotz eines gemeinsamen „Jonastal-Vereins“ ihre Ergebnisse weitgehend unter Verschluss, bis zur nächsten Buchveröffentlichung.

In den Gemeinden des Olga-Gebiets wird derweil offiziell geschwiegen. Kein Hinweis in Prospekten oder auf den Internet-Seiten von Arnstadt, Stadtilm oder Ohrdruf, dass sich um die Gegend eines der großen ungeklärten Geheimnisse der jüngeren Vergangenheit rankt. Die Chance, in die von hoher Arbeitslosigkeit gebeutelte Region Touristen zu locken und ihnen fachkundige Führungen zu den geheimnisumwitterten Stellen anzubieten, wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Ein Brief des Jonastal-Vereins an den Arnstädter Bürgermeister Hans-Christian Köllmer (Pro Arnstadt) mit dem Angebot einer Zusammenarbeit blieb unbeantwortet.

Indessen wird fleißig weiter geforscht. In jüngerer Vergangenheit sollen die lange geforderten Messungen auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf endlich stattgefunden haben, sogar mit Segen der Bundeswehr. Schon wird von „positiven Ergebnissen“ gemunkelt, bisher unbekannte unterirdische Anlagen und Strahlenbelastung seien nachweisbar.

Und die Lichter bei Bittstädt sollen wieder stärker werden.

08.08.2003 Von Eberhardt PFEIFFER