ERFURT/MÜNCHEN. Es gibt Mutmaßungen und Indizienketten. Vielleicht auch ernst zu nehmende. Aber Beweise für die deutsche Atombombe liegen nicht vor.

„Nach den bekannten seriösen Quellen ist die Existenz einer deutschen Atombombe auszuschließen.“ So lautet das Urteil von Dr. Wilhelm Füßl, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Museums in München. Zwischen Mai und August präsentierte sein Haus die Sonderschau: „Geheimprotokolle der deutschen Atomforschung von 1938 bis 1945“. Knapp 500 Papiere, die das Wissen der Nazis dokumentieren, waren hier zu sehen. Das Museum ist seit 1998 im Besitz dieses Materials.
Laut Füßl waren im baden-württembergischen Haigerloch kurz vor Kriegsende „die bekannten Uranreserven der Nazis zusammengeführt“ worden, weil der Atomphysiker Werner Heisenberg seinen letzten Großversuch durchführen wollte. Das Experiment der deutschen Forscher scheiterte. Schon deshalb „war an eine waffentechnische Ausnutzung der Kernspaltung während des zweiten Weltkrieges überhaupt nicht zu denken“, so lautet das eindeutige Fazit des Wissenschaftlers.

Auch Dokumente des Stadtarchivs von Haigerloch belegen, dass das Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, an dem Heisenberg forschte, gegen Kriegsende zweigeteilt und sowohl nach Haigerloch als auch nach Stadtilm in Thüringen verlagert wurde. Alles spaltbare Material kam nach Baden-Württemberg. Dem vorausgegangen waren Debatten zwischen Heisenberg und Kurt Diebner, dem Leiter des Berliner Institutes. Dieser beharrte auf dem letzten Reaktorversuch in Stadtilm, in seinem Kemforschungslabor. Es kam aber anders.

Aussagen aus Buchveröffentlichungen, wonach in Thüringen sogar eine Mini-Atombom-be gezündet worden sein soll, weisen seriöse Wissenschaftler zurück. Auch die Bundeswehr, in deren Zuständigkeit der dafür angeblich genutzte Truppenübungsplatz Ohrdruf fällt, sieht keine Anhaltspunkte. Bisher wurde keine abweichende Strahlenkonzentration auf dem Gelände gemessen, hieß es. Dem Thüringer Sozialministerium liegen zudem keine Angaben vor, die in diesem Gebiet auf Erkrankungen als Folge von Atomstrahlen schließen lassen.

Kai MUDRA

(c) Thüringer Allgemeine vom 30.10.2001