Bernsteinzimmer im Wald verscharrt? – vom 11.06.2004

Südthüringer Landeszeitung 11.06.2004
Quelle: http://www.stz-online.de/nachrichten/thueringen/resyart.phtm?id=640295

Otto Woitkewitz aus Schweina ist davon überzeugt, dass das legendäre Kunstwerk nicht verbrannt ist
Bernsteinzimmer im Wald verscharrt?

„Es wird immer wieder in den Zeitungen behauptet, dass das berühmte Bernsteinzimmer damals in Königsberg verbrannt ist. Das stimmt aber nicht. Ich habe nämlich selbst gesehen, wie die Kisten von Lastwagen in Waggons verladen wurden, als ich als Soldat in den Tagen um Silvester 1944/45 auf dem Bahnhof in der ostpreußischen Stadt Zinten Wache geschoben habe.“ Davon jedenfalls ist Otto Woitkewitz aus Schweina felsenfest überzeugt.
SCHWEINA – An die Waggons mit den Kisten seien die Landser damals nicht richtig rangekommen. Mit den Worten: „Da sind Geheimwaffen drin. Macht, dass ihr weiterkommt“, sollen die Bewacher, so genannte Kettenhunde der Feldpolizei allzu Neugierigen Beine gemacht haben.

Die Kisten fielen dem 18-jährigen Soldaten Woitkewitz auf dem Zintener Bahnhof nur auf, weil er sie ein halbes Jahr zu-
vor schon einmal gesehen hatte. Mit seinem Hitler-Jugend-Trupp habe er Ende Mai 1944 einen Ausflug von seinem Heimatort nahe Ortelsburg nach Königsberg unternommen. Im Hof der SS-Ergänzungsstelle in der Königsberger Kastanienallee, wohin man die Jugendlichen gebracht hatte, standen genau solche grau-grünen Kisten unter einer Plane. Und der Wachtposten, „einer von der HJ-Division“, habe ihnen erzählt, dass darin das Bernsteinzimmer sei. „Dann war er aber selbst sehr erschrocken über das, was er gerade gesagt hatte, und mahnte uns eindringlich, dass wir davon niemanden etwas erzählten sollten.“

Das nächste Mal hörte der inzwischen zur Panzerersatz- und Ausbildungsabteilung Zinten eingezogene junge Mann im Herbst 1944 von dem Bernsteinzimmer. Als Treiber für eine Jagdgesellschaft abgestellt, begegnete er vor einem Jagdschloss nahe Zinten Nazigrößen. „Der Gauleiter von Ostpreußen, Erich Koch, einige andere Goldfasane und eine Gräfin waren mit dabei. Die meisten waren nicht mehr nüchtern. Und der Koch hat gesagt, dass das wohl die letzte Jagd sein wird, und dass das Bernsteinzimmer von hier fort müsse. Das habe ich selbst gehört“, erinnert er sich.

Während der Jahreswende 1944/45 sollten die Soldaten der Zintener Abteilung zur Kurlandarmee nach Dänemark verlegt werden. Die Waggons mit den Kisten sollen dabei an dem Zug angekoppelt gewesen sein, in dem der Soldat Woitkewitz saß. „Da bin ich mir hundertprozentig sicher“, sagt er. Am 2. oder 3. Januar 1945 seien die Waggons in Stettin abgekoppelt worden. Danach verliert sich die Spur.

Nach dem Krieg und amerikanischer Gefangenschaft verschlug es den jungen Mann aus Ostpreußen zunächst nach Cottbus. Hier wurde er zum Müllergesellen ausgebildet. Später ließ er sich in einer Mühle in Schweina nieder und gründete außerdem einen Fuhrbetrieb. Vom Bernsteinzimmer erzählt er niemanden etwas.

In den 60er Jahren verlegt ein Mann aus der näheren Umgebung bei ihm im Haus einen neuen Fußboden. Die beiden kommen ins Erzählen, dabei berichtet ihm der Fußbodenleger von einer Begegnung kurz vor Kriegsende. In einem Wald in der Region sei eine Lastwagenkolonne voll beladen mit großen und kleinen grau-grünen Kisten unterwegs gewesen. Bewacht wurde der Konvoi von der Feldpolizei. Neugierige seien mit dem Hinweis abgewimmelt worden, dass man auf den Lastwagen Geheimwaffen transportieren würde. Diese „Geheimwaffen“ seien wenig später eilig in einem großen Erdloch vergraben worden, habe der Handwerker ihm erzählt.

Der Fußbodenleger ist mittlerweile verstorben. Aber Woitkewitz ist sich „zu achtzig Prozent sicher“, dass in dem Loch die Kisten mit dem Bernsteinzimmer verbuddelt wurden. „Und diese Stelle befindet sich mit Sicherheit nicht im Jonastal, sondern hier in der Region!“ Mehr wolle er dazu nicht sagen.

Kann es sein, dass der mittlerweile 77-Jährige mehr weiß, als all die Schatzsucher, Geschichtsforscher und Reporter-Teams, die seit Jahrzehnten nach dem Bernsteinzimmer fahnden? Wohl kaum. Denn auf dem Weg von Stettin nach Süden können die Kisten sonstwo abgeblieben sein. Spekuliert wurde darüber schon ausführlich. Rund 130 Orte wurden als mögliche Verstecke ins Spiel gebracht. Mal war von einem Stollen im Erzgebirge die Rede, mal ein Tunnelsystem im Jonastal bei Arnstadt, welches kurz vor Ende des Krieges zum neuen „Führerhauptquartier“ ausgebaut werden sollte. Einige Geschichtsforscher vermuten den Schatz in einem gesunkenen U-Boot, andere in einem der verschütteten Bergwerke irgendwo in Deutschland, in den Tiefen der Bunkeranlage der Gauleitung Weimar oder in einer Höhle im Südharz.

Fakten zum Verbleib der Kunstwerke sind dagegen mager gesät. Klar ist, dass der Beauftragte für Kulturgut-Verlagerung, Albert Popp, im Auftrag von Gauleiter Koch die in den Besatzungsgebieten zusammengeraubte Kunstsammlung von Ostpreußen nach Thüringen eskortierte. Nach ZDF-Recherchen über den „Fall Popp“ wird ihm der geheime Abtransport des Bernsteinzimmers zugeschrieben.

Auch der DDR-Staatssicherheitsdienst interessierte sich für den Verbleib des Bernsteinzimmers. Unter der Leitung von Stasi-Oberstleutnant Paul Enke trug man unter dem Decknamen „Puschkin“ in fünfzehn Jahren rund 10 000 Aktenseiten zusammen. Enke wies nach, dass die Kunstsammlung Koch am 9. Februar 1945 von Königsberg kommend in Weimar eingetroffen war. Ein Teil der Fracht wurde in Weimar eingelagert, ein anderer in einem Schloss bei Gotha. Im April sei der größte Teil der Lieferung wieder aus Weimar abtransportiert worden. Laut Stasi-Akten soll es Zeugen gegeben haben, die sagten, dass in einigen der Kisten Bernsteinplatten gesehen worden sind. In der Koch-Sammlung, die nicht mehr aus Weimar abtransportiert werden konnte, weil am 12. April 1945 die Amerikaner einmarschierten, befanden sich unter anderem viele mit Bernstein verzierte Armleuchter.

Den Spekulationen über den Verbleib des dreihundert Jahre alten und geschätzte 125 Millionen Euro teuren echten Bernsteinzimmers sind also weiterhin Tür und Tor geöffnet. Vielleicht ist es doch nicht verbrannt, sondern liegt wirklich hier in der Region irgendwo vergraben, wie Otto Woitkewitz nicht müde wird zu betonen. THOMAS KLEMM

-> Danke geo-tec für den Hinweis