Die Höhlenforscher vom Jonastal
Von Ulrich Brunzel

Aus der Schatzsucher Zeitschrift Nugget – Abenteuer * Schätze * Gold * Mineralien, Ausgabe 48/50 im September 1993

Es war an einem Märztag des Jahres 1965. die ersten Strahlen der Frühlingssonne drangen in das lang gezogene Jonastal zwischen Arnstadt und Crawinkel. Der abschmelzende Schnee ließ das ansonsten trockene Bachbett zwischen der Chaussee und den Kalkfelsen im Bereich des Kilometersteines 7 zu einem reißenden Bach, einem wilden Tiere gleich, anschwellen. Noch bedeckten Schneereste Gesteinsund Wiesenflächen. In den Spalten und Klüften des Kalkmassivs tropften die Eiszapfen und durchfeuchteten das darunter liegende Kalkgestein. An geschützten Stellen lugte erstes zartes Grün hervor. Eigentlich eine ungünstige Jahreszeit, Höhlenforschungen zu betreiben. Was jedoch nicht für das zutraf, was wir damals im Jonastal vorhatten. Im Gegensatz zu den natürlichen Höhlen galt es hier, in unterirdische Objekte vorzudringen, die von Menschenhand geschaffen worden waren und denen Geheimnisse entrissen werden sollten, die uns vielleicht erschaudern ließen.

 

Die Höhlenforschung ist mit nichts anderem vergleichbar. Der Höhlenforscher hat es oft schwer, auf klebrigem Boden, in dunklen Löchern und Klüften oder im eisigen Wasser, begleitet vom fackelnden Schein seiner Lampe, der zu erforschenden Höhle Boden abzuringen. Er riskiert viel. Oft wird er mit dem Alpinisten verglichen. Im Gegensatz zu ihm ist der Höhlenforscher jedoch im Nachteil. Er steigt erst ab, um dann nach getaner Erkundungsarbeit, nicht selten durchnässt und mit steifen Gliedern, total verschmutzt, wieder nach oben zu klettern. Es genügt oft nur ein schwacher Wasserstrahl, um den Forscher der Tiefe bis auf die Haut zu durchnässen. Unter diesen extremen Bedingungen, von völliger Finsternis umgeben, die nur vom Strahle der Lampe erhellt wird, gilt es schließlich, ernsthafte Arbeiten auszuführen. Dazu gehört das Vermessen und die Aufzeichnung entsprechender Koordinaten als Voraussetzung für das Zeichnen eines Höhlenplanes. Die Materie der Höhlenforschung ist daher kompliziert. Doch daran waren wir Suhler Höhlenforscher gewöhnt. Schließlich hatten wir im Südthüringer Kalkkarst schon einige neue Höhlen und Schächte entdeckt. Die Erkundung der geheimnisumwitterten unterirdischen Objekte stellte zum damaligen Zeitpunkt jedoch eine neue Herausforderung dar. In meiner Kindheit hatte ich oft davon geträumt, unterirdische Welten zu entdecken. Der Drang, Abenteuer und Unbekanntes zu erleben, war mitbestimmend für meine bereits 1958 begonnene Tätigkeit als Höhlenforscher, die 1961 zur Bildung der ersten Höhlenfachgruppe im Bezirk Suhl führte. Zwischen dem Einstieg in die unterirdischen Objekte des Jonastahles und dem heutigen Kenntnisstand liegen viele Jahre aktiver Höhlenforschung.

Die neuerlich angelaufene Suche nach dem Bernsteinzimmer und die Erkundungsarbeiten im Jonastal haben mich bewogen. mein Wissen einer interessierten Öffentlichkeit in einem kleinen Buch. Hitlers Geheimobjekte in Thüringen“ zugänglich zu machen, das soeben in dritter Auflage erschienen ist. Es wurde ja in den vergangenen Monaten viel über das Jonastal geschrieben. Mutmaßungen, Tatsachen, Legenden und Widersprüche vermischen sich miteinander und erzeugen eine Aura des Geheimnisvollen. Die Vermutung, dass das Bernsteinzimmer in der Tiefe des Jonastales versteckt sein könnte, größere Erdbewegungen im Eingangsbereich des Objektes I im Jonastal sowie Sprengungen zur Aufwältigung der Stollen, finanziert durch amtliche Stellen, hat inzwischen Schatzsucher aus aller Welt auf den Plan gerufen. Trotz der bisherigen Ergebnisse der Nachforschungen zur Aufarbeitung der Geschichte Thüringens und seiner Bedeutung in der letzten Phase des Dritten Reiches ist noch vieles unklar. Fest steht lediglich, dass in diesem Gebiet ein nationalsozialistischer Reststaat entstehen sollte, mit allem, was zum Überleben eines solchen Gebildes erforderlich war. Im Zentrum dieser geheimen Kommandosache befand sich das Jonastal mit seinen unterirdischen Objekten. Augen- und Ohrenzeugen zu den Vorgängen in und um das Jonastal, die sofort nach Erscheinen der ersten Auflage meines Büchleins mit mir Verbindung aufnahmen, berichteten zum Beispiel, dass selbst SS-Posten damals ganz offen über das im Jonastal entstehende Hauptquartier Hitlers gesprochen hätten. Bei dem nachgewiesenen Grad der Geheimhaltung solcher Objekte muss diese Tatsache als recht ungewöhnlich gewertet werden. Sollte hier eine falsche Fährte gelegt werden? Wo befand sich dann das Führerhauptquartier? Dazu gibt es unterschiedliche Hinweise! Genannt werden: Jonastal, Crawinkel, Ohrdruf, der Truppenübungsplatz, der oberhalb der unterirdischen Anlagen im Jonastal beginnt und sich bis Ohrdruf und Schwabhausen hinzieht. Da es sich hier um einen insgesamt eng begrenzten Raum im Bereich „Olga“ handelt, gehe ich persönlich davon aus, dass die gesuchte unterirdische Anlage noch nicht gefunden wurde. Vieles spricht dafür! Mehrere glaubwürdige Zeugen, die die Anlage gesehen haben wollen, sprechen von fertig gestellten unterirdischen Anlagen von 1000 bis zu 2500 Meter Länge. Die Räume seien mit Holz vertäfelt und teilweise gekachelt, deren Einrichtung auserlesen gewesen. Man weiß heute darüber noch relativ wenig. Wir werden sehen, was weitere Nachforschungen bringen.