Hitlers Jagd nach der Atombombe – Seine Wissenschaftler standen kurz davor – vom 04.03.2005

Quelle: Spiegel am 04.03.2005

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NEUE FORSCHUNGSERGEBNISSE

Hitlers Jagd nach der Atombombe

Was wäre passiert, wenn Hitler Atomwaffen gehabt hätte? Ende des Zweiten Weltkriegs lieferten sich Nazi-Deutschland und die USA ein Wettrennen um die Entwicklung von Nuklearwaffen. Jetzt hat die Deutsche Verlags-Anstalt ein Buch mit neuen Forschungsergebnissen angekündigt. Danach waren Hitlers Physiker ganz nah an der Bombe.

München/New York – „Das Deutsche Reich stand kurz davor, den Wettlauf um die erste einsatzfähige Atomwaffe zu gewinnen“, heißt es in einem Verlagsprospekt über das Buch „Hitlers Bombe“ des Berliner Historikers Dr. Rainer Karlsch. Das Buch, das sich laut dem Verlag auf die Auswertung bislang unveröffentlichter Quellen sowie auf physikalische Gutachten und Messungen stützt, wird am 14. März in Berlin erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der amerikanische Historiker Mark Walker, ein international anerkannter Experte für die Nuklearwaffenentwicklung in der Zeit des Nationalsozialismus, erkannte der Arbeit von Karlsch Brisanz zu. „Ich halte seine Beweisführung für sehr überzeugend“, sagte Walker am Donnerstag in New York der Deutschen Presseagentur (dpa). Laut der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) kennt Walker das Buchmanuskript bereits.

Nukleartests auf Rügen und in Thüringen

Der Verlagsankündigung zufolge testeten deutsche Wissenschaftler in den Jahren 1944 und 1945 auf Rügen und in Thüringen nukleare Bomben. Dabei seien mehrere hundert Kriegsgefangene und Häftlinge ums Leben gekommen. Neben Belegen für die Kernwaffenversuche habe Karlsch auch einen Entwurf für ein Patent auf Plutoniumbomben aus dem Jahr 1941 gefunden. Zudem habe der Historiker im Umland von Berlin „den ersten funktionierenden deutschen Atomreaktor“ entdeckt.

Nach Einschätzung Walkers hätte Hitlers Nuklearwaffe allerdings nicht einmal annähernd die Gewalt der Atombomben gehabt, die die USA über Hiroshima und Nagasaki abwarfen. Der Geschichtsprofessor vom Union College in Schenectady im US-Bundesstaat New York verglich das, was eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern insgeheim in Hitlers Heeresamt entwickelt und im Test zur Explosion gebracht haben dürfte, mit der so genannten „schmutzigen Bombe“ – also eher geringen Mengen nuklearen Materials, das von großen Mengen Sprengstoff umhüllt ist. Diese Waffe hätte nach Meinung von Walker nur an der Front eingesetzt werden können, um feindliche Truppen zurückzuwerfen.

Spionageberichte als Quellen

Walker bescheinigt Karlsch allerdings, „ein ganz neues Kapitel“ über Hitlers Suche nach der „Wunderwaffe“ geschrieben zu haben. Der Berliner Historiker sei bei seinen vierjährigen Recherchen unter anderem in russischen Archiven auf Dokumente über eines der großen Rätsel des Dritten Reiches gestoßen. Weitere Informationen habe Karlsch in Dutzenden von Interviews mit „Amateurhistorikern“ in den neuen Bundesländern gewonnen. Walker ist der Verfasser des 1990 erschienenen Buches „Die Uranmaschine – Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe“.

Wie DVA-Sprecher Markus Desaga am Donnerstag der dpa sagte, wertete Karlsch zeitgenössische Forschungsberichte, Konstruktionspläne, Luftbilder, Tagebücher beteiligter Wissenschaftler sowie russische und amerikanische Spionageberichte aus. Zudem habe er sich auf physikalische Messungen und Bodenanalysen gestützt.

Karlsch (Jahrgang 1957) ist Dr. oec und promovierte im Jahr 1986 an der Humboldt-Universität in Berlin. Danach war er Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Humboldt-Universität, der Historischen Kommission Berlin und der Freien Universität Berlin.


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ATOMFORSCHUNG

Historikerstreit über Hitlers Bombe

Deutsche Wissenschaftler sollen in den vierziger Jahren Atombomben auf Rügen und in Thüringen getestet haben – das behauptet ein Historiker in einem neuen Buch der Deutschen Verlags-Anstalt. Die Aussage ist höchst umstritten, Aussagen von Zeitzeugen sprechen dagegen.

„Das Deutsche Reich stand kurz davor, den Wettlauf um die erste einsatzfähige Atomwaffe zu gewinnen“, heißt es in einem Verlagsprospekt über das Buch „Hitlers Bombe“ des Berliner Historikers Rainer Karlsch. Das Buch, das sich laut dem Verlag auf die Auswertung bislang unveröffentlichter Quellen sowie auf physikalische Gutachten und Messungen stützt, wird am 14. März in Berlin erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der amerikanische Historiker Mark Walker, ein international anerkannter Experte für die Nuklearwaffenentwicklung in der Zeit des Nationalsozialismus, erkannte der Arbeit von Karlsch Brisanz zu. „Ich halte seine Beweisführung für sehr überzeugend“, sagte Walker am Donnerstag in New York der Deutschen Presseagentur (dpa). Laut der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) kennt Walker das Buchmanuskript bereits.

„Totaler Schmarren“

Der Verlagsankündigung zufolge testeten deutsche Wissenschaftler in den Jahren 1944 und 1945 auf Rügen und in Thüringen nukleare Bomben. Dabei seien mehrere Hundert Kriegsgefangene und Häftlinge ums Leben gekommen. Neben Belegen für die Kernwaffenversuche habe Karlsch auch einen Entwurf für ein Patent auf Plutoniumbomben aus dem Jahr 1941 gefunden. Zudem habe der Historiker im Umland von Berlin „den ersten funktionierenden deutschen Atomreaktor“ entdeckt.

Der Wissenschaftshistoriker Armin Herrmann, ausgewiesener Experte für die Atomexperimente der Nazis und Einstein-Biograf, hält diese Aussagen hingegen für „totalen Schmarren“. „Da will sich jemand wichtig machen“, sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Den Deutschen sei es damals nicht gelungen, einen Reaktor zu bauen, in dem die kritische Phase der Kettenraktion tatsächlich erreicht wurde. Von einem „funktionierenden deutschen Atomreaktor“ könne keine Rede sein. Dies gehe auch aus Abhörprotokollen der beteiligten Wissenschaftler hervor. Auch angebliche Atomwaffentests habe es nicht gegeben – weder auf Rügen noch in Thüringen.

Auch nach Einschätzung des US-Historikers Walkers verfügten die Deutschen keinesfalls über eine funktionierende Atombombe. Der Geschichtsprofessor vom Union College in Schenectady im US-Bundesstaat New York verglich das, was eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern insgeheim in Hitlers Heeresamt möglicherweise entwickelt und im Test zur Explosion gebracht haben soll, mit der so genannten „schmutzigen Bombe“ – also eher geringen Mengen nuklearen Materials, das von großen Mengen Sprengstoff umhüllt ist. Diese Waffe hätte nach Meinung von Walker nur an der Front eingesetzt werden können, um feindliche Truppen zurückzuwerfen.

Spionageberichte als Quellen

Walker bescheinigt Karlsch allerdings, „ein ganz neues Kapitel“ über Hitlers Suche nach der „Wunderwaffe“ geschrieben zu haben. Der Berliner Historiker sei bei seinen vierjährigen Recherchen unter anderem in russischen Archiven auf Dokumente über eines der großen Rätsel des Dritten Reiches gestoßen. Weitere Informationen habe Karlsch in Dutzenden von Interviews mit „Amateurhistorikern“ in den neuen Bundesländern gewonnen. Walker ist der Verfasser des 1990 erschienenen Buches „Die Uranmaschine – Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe“.

Wie DVA-Sprecher Markus Desaga am Donnerstag der dpa sagte, wertete Karlsch zeitgenössische Forschungsberichte, Konstruktionspläne, Luftbilder, Tagebücher beteiligter Wissenschaftler sowie russische und amerikanische Spionageberichte aus. Zudem habe er sich auf physikalische Messungen und Bodenanalysen gestützt.

Karlsch (Jahrgang 1957) ist Dr. oec und promovierte im Jahr 1986 an der Humboldt-Universität in Berlin. Danach war er Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Humboldt-Universität, der Historischen Kommission Berlin und der Freien Universität Berlin. 03. März 2005