Letzte Ausfahrt Crawinkel – vom 27.12.2003

(c) Thüringer Allgemeine (TA) vom 27.12.2003

Letzte Ausfahrt Crawinkel

Um das Jonastal bei Arnstadt ranken sich viele Geheimnisse. Ganze Scharen von Forschern suchen dort nach Zeugnissen aus der jüngeren Vergangenheit. Ein Geheimnis hat ein Lehrer aus Ohrdruf gelüftet: Der Weg des wohl berühmtesten Eisenbahnwagens der Welt endete in der Nähe von Crawinkel.

„Röhrensee wird in den nächsten Jahren weltberühmt werden“, sagt Thomas Mehner und viele in der Runde nicken beifällig. Der Saal in der „Goldenen Henne“ in Arnstadt ist trotz Vorweihnachtszeit bis auf den letzten Platz besetzt. Das Thema: „Arnstadt, Wechmar, Ohrdruf und die Bombe“. Gemeint ist die Atombombe, die nach Recherchen von Mehner am 4. März 1945 von den Nationalsozialisten erfolgreich getestet worden sein soll. In einem „kleinen Dreieck bei Röhrensee“.

Das Dörfchen, das nach Mehners Prophezeiung demnächst Weltruhm erlangen soll, liegt derzeit noch verschlafen im Schatten der Drei Gleichen in der Nähe des Jonastals. Dort scheint nahezu alles möglich.

Vieles von dem, was unter den immer zahlreicher werdenden Jonastal-Forschern diskutiert wird, ist Vermutung. Doch es mehren sich die Indizien dafür, dass die Gegend in den letzten Kriegsmonaten wichtiger für die eigentlich schon besiegte Berliner Führungsriege war als bisher bekannt. Einige Forschungen des Vereins „Geschichts- und Technologiegesellschaft Jonastal“ haben allerdings bereits zu handfesten Ergebnissen geführt. So lieferte ein Lehrer aus Ohrdruf den Beweis: Der wohl berühmteste Eisenbahnwagen der Welt wurde 1945 nach Thüringen gebracht und stand längere Zeit ganz in der Nähe des Jonastals, wo er schließlich vernichtet wurde.

Der als „Waggon von Compiégnie“ bekannt gewordene Salonwagen mit der Nummer 2419 D hat mehrfach im vergangenen Jahrhundert Geschichte geschrieben. Gebaut wurde der edle Speisewagen mit blinkendem Kupferdach und Teakholz-Ausstattung im Jahr 1914 im französischen Saint-Denis. Berühmt wurde er zum ersten Mal vier Jahre später, mittlerweile zum Konferenzwagen umgebaut. An einem Tisch im Inneren wurde das Ende des Ersten Weltkriegs mit der deutschen Kapitulation besiegelt, im Wald von Compiégnie in der heutigen Thüringer Partnerregion Picardie. Das Foto vor dem 2419 D ging damals um die Welt.

Danach dient er dem französischen Staatspräsidenten als Speisewagen, wird 1921 in Paris auf dem Ehrenhof des Invalidendoms mit anderen Sieges-Trophäen ausgestellt und kommt 1929 schließlich an die Stelle zurück, die ihn berühmt machte: in eine Museums-Halle im Wald von Compiégne.

Am 21. April 1940 steigt Adolf Hitler dort in den Wagen und nimmt am großen Kartentisch Platz. Frankreich muss seine Kapitulation vor Nazideutschland am gleichen Tisch unterschreiben wie 1918. Nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Der 2419 D ist zum doppelten Symbol der Weltgeschichte geworden und wird im Berliner Lustgarten als Siegestrophäe über Frankreich ausgestellt.

Der offiziell bekannte Weg des Wagens endete nach der offiziellen Geschichtsschreibung lange Zeit auf einer Fahrt von Berlin nach Süden durch einen Luftangriff oder eine Sprengung. Bereits kurz nach der Wende mehrten sich aber die Hinweise darauf, dass der berühmte Wagen in den letzten Kriegstagen nach Thüringen kam. Gerd Kratsch aus Ohrdruf ist der Sache nachgegangen. Der Lehrer hat gemeinsam mit seinen Schülern Beweise und Aussagen dafür gesammelt, dass der berühmte Salonwagen von Compiégne Anfang April 1945 bei Crawinkel zerstört wurde.

Schon zu DDR-Zeiten in der AG Philatelie des Kulturbunds hörte Kratsch Berichte, zwischen Ohrdruf und Crawinkel lägen noch „Überreste des abgebrannten Wagens“. Und so begab er sich seit 1990 auf die Suche, mit seinen Schülern. Sie war erfolgreich. Neben Aussagen von Zeitzeugen wurden handfeste Beweise dafür gefunden, dass die letzte Station des 2419 D ein Nebengleis links der heutigen B 88 zwischen Ohrdruf und Crawinkel war, in der Gegend bekannt als „Erlebachs Wiesen“. Es fanden sich nicht nur Zeugen, sondern auch Überreste des Wagens. Ein Mann aus Wölfis hatte ein Emblem des Wagens in seinem Besitz, ein anderer einen Speiseteller. Der Sohn eines Zahnarztes fand zwei bronzene Handläufe des Waggonaus-stiegs mit Resten des verwendeten Teakholzes.

Die Echtheit der Stücke ist in den vergangenen Jahren von Experten bestätigt worden, einige davon sind heute wieder in Compiégnie zu sehen. Im Museum, das auch eine Kopie des berühmten Wagens zeigt.

Die Ursache für die Zerstörung des Originals ist das einzige Rätsel, das Kratsch noch lösen möchte. Gab es einen Befehl Hitlers zur Sprengung, um ihn nicht zum dritten Mal zum historischen Ort einer Kapitulation werden zu lassen? War es ein Luftangriff? Der Lehrer hofft, dass sich noch Zeugen aus jender Zeit finden, die darüber etwas wissen.

Aber die Tatsache, dass einer der zentralen Symbole nationalsozialistischer Macht auf einem Gleis bei Crawinkel endete, gibt den Forschern um das Jonastal neuen Auftrieb. Er sollte, so behaupten Zeugen, eigentlich „in das Stollensystem eingefahren“ werden. Jene Höhlen unter dem jetzigen Truppenübungsplatz Ohrdruf, in denen nach offizieller Darstellung nichts weiter als ein nie zu Ende gebautes geplantes Hauptquartier für Hitler zu finden sein soll.

Waren die Arbeiten doch weiter fortgeschritten oder gab es dort unten mehr, als bisher zugegeben wurde?

Thomas Mehner ist davon überzeugt. Er berichtet seinen Zuhörern in der „Goldenen Henne“ in Arnstadt von Radioaktivitätsmessungen im April bei Röhrensee. Das Ergebnis sei „nicht unbedingt negativ“.

26.12.2003 Von Eberhardt PFEIFFER