Paranoia im Bunker – Nachforschung über Hitlers letzte Tage – vom 20.09.2004

Quelle: Thüringer Allgemeine – Lokalteil Ilmkreis am 20.09.04

Paranoia im Bunker

Auch die Akten der DDR-Staatssicherheit verweisen auf intensive Nachforschung über Hitlers letzte Tage

Mit seinem Film „Der Untergang“ wagt sich Produzent Bernd Eichinger an ein brisantes Kapitel der Geschichte. Geheimdienste und Historiker haben den Ereignissen jener April-Tage von 1945 im Berliner Führerbunker seit Kriegsende nachgespürt. Auch die Stasi wollte den Schleier des Geheimnisvollen lüften.

Von Thomas ROTHBART

„Führer Geburtstag, aber leider Stimmung ist nicht feierlich.“ Martin Bormann, Leiter der NSDAP-Parteikanzlei, machte in seinem Kalender, der defacto sein Tagebuch war, wenig Worte um den 20. April 1945. Die Kladde, die nach Kriegsende bei einem anschließend in den Trümmern begrabenen Leichnam gefunden wurde, hatte in den siebziger Jahren aus KGB-Beständen ihren Weg zur DDR-Staatssicherheit gefunden.

Die Staatssicherheit ging zu Anfang der siebziger Jahre wie auch westliche Geheimdienste einmal mehr Hinweisen nach dem Verbleib des Hitler-Vertrauten nach. Die Spur Bormanns hatte sich verloren, als er am 1. Mai 1945 einen Fluchtversuch aus dem Bunkersystem unternahm. Am 16. Januar 1945 war Hitler nach dem Scheitern der Ardennenoffensive an der Westfront aus dem Führerhauptquartier Adlerhorst bei Bad Nauheim nach Berlin zurückgekehrt. Je näher die sowjetischen Truppen rückten, umso mehr spitzte sich auch die Situation unter der Reichskanzlei zu. Am 16. April 1945 begann die Schlacht um Berlin. Am 20. April, dem Geburtstag Hitlers, versammelte sich die Nazi-Führung noch einmal im Bunker. Der Führer solle fliehen, bedrängte ihn sein Gefolge. Auf dem Obersalzberg in den Alpen war eine Festung vorbereitet. Und auch in Thüringen soll im Jonastal bei Arnstadt ein ausgebautes Führerhauptquartier bezugsfertig gewesen sein. Die Tatsache, dass jener Eisenbahnwaggon, in dem die Deutschen 1918 die alliierten Waffenstillstandsbedingungen akzeptieren mussten, ebenfalls nach Thüringen gebracht worden war, nährten Spekulationen, die NS-Führung habe hier Zuflucht suchen wollen.

Doch Hitler hatte seine Entscheidung getroffen. „Führer bleibt in Berlin“, hielt Bormann am 22. April 1945 in seinem Kalender fest. Hitler witterte überall Verrat. Zum ersten Mal sprach er von Scheitern. Während der folgenden Tage steigerte sich die Paranoia im Bunker. Himmler und Jodel verhindern Eintreffen von Ersatzdivisionen. Auf des Degens Spitze die Welt jetzt steht“, hielt Bormann am 27. April fest. Reichsmarschall Göring hatte sich ebenso abgesetzt wie Heinrich Himmler. Als bekannt wurde, dass der SS-Chef bereits mit den West-Alliierten verhandelte, spitzten sich die Ereignisse weiter zu. Für Bormann, der nach dem Verrat seiner Rivalen an die Fortsetzung seiner Karriere glaubte, blieb keine Zeit für Prosa: „In der Nacht vom 28. zum 29. Auslandspressebericht über Kapitulationsangebot von Himmler. Heirat Adolf Hitler und Eva Braun. Führer diktiert sein politisches und privates Testament“, fasst er die Ereignisse des letzten Tages im Leben des Diktators zusammen. Das Finale am 30. April lautet: „Adolf Hitler + Eva B +“ Für den 1. Mai hat er nur einen Termin: „Ausbruchsversuch!“

Lange hielten sich seither Gerüchte, sowohl der Diktator als auch sein Gefolgsmann seien am Leben. Während im Falle Bormanns die Obduktion eines 1973 in West-Berlins exhumierten Leichnams Gewissheit brachte, dass der Chef der Partei-Kanzlei seinen Führer nicht lange überlebte, wurde das letzte Geheimnis um den Tod Hitlers erst nach Ende des Kalten Krieges mit der Öffnung der russischen Archive gelüftet.