Pro und Kontra bei Grunert-Lesung in Arnstadt – vom 20.06.2004

Quelle: Arnstädter Stadtecho im Juni 2004

Pro und Kontra bei Grunert-Lesung

Eigens aus Berlin war er in seine Heimatstadt gekommen, um hier aus seiner Biografie zu lesen, die schon im Vorfeld bei einigen Arnstädtern für reichlich Diskussionsstoff sorgte.

Rund 30 geschichtsinteressierte Arnstädter kamen, um sich die Lesung und die Argumente aus berufenem Mund anzuhören. Ob noch einige mehr gekommen wären, aber aus innerem Protest wegblieben, muss Spekulation bleiben. Rolf Grunert, der am 1. Juli seinen 79. Geburtstag beging, las, abgestimmt mit dem Veranstalter – der Presse- und Werbeagentur König -vor allem aus seiner Arnstädter Kindheit und Jugendzeit. Erinnerungen an seine Familie und an seine Lehrer dominieren das Kapitel „Erziehung und Parolen“. Gut kommen da nur wenige weg. Sein „Alter“ – Vater Wilhelm – am allerwenigsten, eine herzliche Beziehung zu seinem faschistischen Erzieher gab es nie. Auch einige seiner Lehrer wie Studienrat Josef Riederer, Fritz Huhn oder Direktor Tenner zeichnet er als fanatisierte faschistische und mittlerweilen wild prügelnde „Pädagogen“. Rolf Grunert empfand das widerwärtig und schon als Kind spürte er die Ungerechtigkeit, nicht zuletzt auch durch das Abhören des Londoner Rundfunks. Ein prägendes Ereignis war für ihn die Progromnacht des 9. November 1938, als nicht nur in Arnstadt die jüdische Synagoge brannte. Die Schilderung seiner Kriegsgefangenschaft, sein Einstieg in das Berufsleben, seine Arbeit als Kriminalkommissar bei der Hamburger Kripo schildert er in seiner Biografie ebenso wie seine Mitarbeit im MfS, die erst nach 1961 zunehmend Form annahm. Gerade aber diese Agententätigkeit, die ihn zwei Jahre und sechs Monate seines Lebens kostete und viele weitere Unannehmlichkeiten, löste bei Betroffenen des SBZ-Ter-rors Unverständnis aus. Der Arnstädter Gerhard Böttner: „Ich kann den Mann nicht verstehen, meine halbe Familie wurde von den ,Kommunisten‘ nach dem Krieg umgebracht, wer will da erwarten, dass ich gut heißen kann, wenn man für die Roten spioniert hat!“ Zornig verließen er und sein Sohn Stefan die Lesung. Doch wurde Grunert auch bescheinigt, versucht zu haben, eine bessere Gesellschaft mit aufzubauen. Ihr Niedergang konnte nicht mehr diskutiert werden.