Zündeten die Nazis die erste Atombombe? – Seltsames Motto: Je mysteriöser, umso glaubwürdiger – vom 21.03.2005

Link zur Diskussion im GTGJ-Forum: Rainer Karlsch: Hitlers Bombe

Zündeten die Nazis die erste Atombombe? Noch immer wuchern Spekulationen, was auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf geschah

Seltsames Motto: Je mysteriöser, umso glaubwürdiger

VON EIKE KELLERMANN
OHRDRUF – Es gab keinen Atomwaffen-Versuch in Thüringen, glaubt die Mehrheit. Eine Minderheit ist dagegen überzeugt, dass die Nazis im März 1945 die Bombe zündeten. In den Orten rund um den Truppenübungsplatz Ohrdruf geht der Zweite Weltkrieg, 60 Jahre nach seinem Ende, noch ein bisschen weiter.
Andreas König, Hauptmann der Bundeswehr, 50 Jahre alt, ist von der Zeitung mit den vier Buchstaben zum „Hüter des verlorenen Schatzes“ befördert worden. Sein Bild in einer Ausgabe vom August 2003 reichte über mehr als die halbe Zeitungsseite und zeigt ihn, wie er energisch die Arme in die Hüften stemmt. König ist Kommandant des Truppenübungsplatzes Ohrdruf. Geht es nach Hobbyhistorikern, Neugierigen oder „Spinnern“, wie die Übereifrigen vom Hauptmann genannt werden, dann befinden sich auf und unter dem Truppenübungsplatz Geheimnisse von allerhöchstem Interesse.

Ab und zu soll eine rötliche Radonwolke aufsteigen

Vielleicht das Bernsteinzimmer. Oder ein Ufo. Es könnten auch 600 russische T-72-Panzer sein, aufgetankt und vollmunitioniert, die wie Barbarossa im Kyffhäuser auf ihren Einsatz warten. Gelegentlich soll von Königs Schießplatz eine rötlich schimmernde Radonwolke aufsteigen. Warum das passiert, kann niemand begründen. Aber je mysteriöser die Vorfälle sind, desto eher sind offenbar einige geneigt, ihnen Glauben zu schenken. So ist es auch mit der deutschen Atombombe.

Ausgerechnet in einem als „Dreieck“ bezeichneten Geländeabschnitt des Truppenübungsplatzes soll am 3. oder 4. März 1945 der erste Atomwaffenversuch der Menschheitsgeschichte stattgefunden haben. Mehrere hundert KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene sowie einige SS-Wachen, die unter der in einigen Metern Höhe gezündeten Bombe standen, kamen dabei auf grauenvolle Weise ums Leben. So behaupteten es bislang Hobbyforscher unter Berufung auf mutmaßliche Augenzeugen.

Nun liegt seit dieser Woche das Buch des promovierten Historikers Rainer Karlsch vor, der sich die These von „Hitlers Bombe“ zu Eigen macht. Von einer „Sensation“ spricht die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) und lässt dabei geflissentlich die Veröffentlichungen unter den Tisch fallen, die seit Ende der 90er Jahre unter anderem in Thüringer Verlagen erschienen sind. Harald Fäth etwa brachte 1998 ein Buch unter dem Titel „1945 – Thüringens Manhattan Project“ heraus. Als „Manhattan Project“ bezeichneten die USA die Geheimoperation, bei der sie die Hiroshima-Bombe herstellten. Auch Edgar Mayer und Thomas Mehner veröffentlichten lange vor Karlsch unter anderem das Buch „Die Atombombe und das Dritte Reich“.
Keine Großmutter vertraute den Enkeln das Geheimnis an

Doch erst mit Karlsch, der das Atomwaffenprogramm der Nazis für weitreichender als bisher bekannt hält, ist die deutsche Bombe zum internationalen Reißer geworden. Zur Pressekonferenz des Berliner Wirtschaftshistorikers kamen am vergangenen Montag 130 Journalisten aus aller Welt, berichtet sein Verlag. Das ZDF strahlt morgen Abend eine Dokumentation zum Buch aus.

All das zeigt: 60 Jahre nach Kriegsende üben Hitler und die Nazis eine beklommen machende Faszination aus. Das mörderische Geschehen, das jede deutsche Generation so angestrengt wie vergeblich zu verstehen versucht, ist derzeit wie kein anderes Thema in den Medien präsent. Und Bruno Ganz lässt in dem Film „Der Untergang“ einen Hitler erstehen, der das, wie Harald Schmidt lästert, überzeugender als der Führer selbst macht.

Das kann nicht spurlos an den Orten vorbeigehen, wo sich die abstrusen Geschichten aus der Endphase des Dritten Reiches abspielten. Damals träumten der Führer und ein Großteil seines Volkes noch vom Endsieg. „Wunderwaffen“ sollten die Wende des faktisch verlorenen Krieges herbeiführen. Fabriziert und getestet wurden sie angeblich in Thüringen.

„Ich glaube das nicht, weil vor der Wende darüber auch nicht das Kleinste erzählt wurde“, sagt Hans Ullrich, Chef der Verwaltungsgemeinschaft Wachsenburg. Zu seinem Sprengel zählt die Gemeinde Röhrensee, die nahe am vermeintlichen Versuchsgelände vom März 1945 liegt. Keine Andeutung am Biertisch, keine Großmutter, die ihren Enkeln das Geheimnis anvertraute. Nichts. „Mein Großvater hat nie dergleichen erzählt“, sagt ein alter Herr aus Röhrensee. „Aber nennen Sie bloß nicht meinen Namen.“

Bürgermeister Ullrich hat auf Drängen der Hobbyforscher mit einem Bagger nach unterirdischen Bunkeranlagen suchen lassen, in denen an der Bombe gebastelt worden sein soll. Nichts. Doch nicht Ruhe kam, sondern immer neue Hypothesen und Verschwörungstheorien. Die Bunkereingänge zugesprengt, die deutschen, russischen, amerikanischen und isrealischen Geheimdienste peinlichst bemüht, alles zu vertuschen – wenn nicht gar „Nachfolge-Organisationen der SS“ ihre Hände im Spiel hätten.
Es wurde bislang nicht deshalb nichts gefunden, weil nichts da ist – sondern weil nichts gefunden werden durfte. Das glaubt zumindest eine Minderheit in den Orten und ist vom Atombombenversuch im März 1945 überzeugt. Wenn etwa der Autor Thomas Mehner in der Arnstädter Gaststätte „Henne“ liest, dann soll es brechendvoll sein. Die Frau, die gerade in Röhrensee Zeitschriften austrägt, glaubt an die Bombe oder der Schlosser im benachbarten Holzhausen. Aber bitte keine Namen.

Die Japaner fahndeten nach dem Bernsteinzimmer

Wenn Kommandant König tatsächlich etwas zu vertuschen hätte, dann wäre er als Schauspieler besser denn als Offizier. Vielleicht hängt das mit seiner Ausbildung beim britischen Geheimdienst zusammen, die ihm der eine oder andere wegen eines zweijährigen Aufenthalts im Vereinigten Königreich andichten will. König grinst. Das Ganze nervt ihn, aber er scheint die Aufmerksamkeit auch zu genießen. Sein Truppenübungsplatz, der im nächsten Jahr 100 Jahre alt wird, als Objekt öffentlichen Interesses von Bild über Spiegel bis ZDF. Nur die ganz Verrückten ließ der Hauptmann nicht mehr auf den Platz. Alle anderen durften sich bei ihm mit ihren Hypothesen austoben.

Er spazierte mit einem bei 35 Grad über das knapp 5000 Hektar große Gelände, weil der ganz sicher wusste, dass irgendwo noch eine Interkontinental-Rakete der Nazis herumliegen müsste. Dass die Russen zu DDR-Zeiten, als ihnen der Platz gehörte, dann doch darüber gestolpert wären, ließ der Mann nicht gelten. Das japanische Fernsehen durfte nach dem Bernsteinzimmer fahnden.

Der vielleicht ernsthafteste Versuch wurde im Februar diesen Jahres unternommen. Die Wintersonne schien, der Boden war steinhart gefroren, als König mit Karlsch, einem ZDF-Team und dem Kernphysiker Uwe Keyser durch das „Dreieck“ marschierte. Keyser ist Professor bei der Technisch-Physikalischen Bundesanstalt in Braunschweig, die als Hort für Seriosität und Genauigkeit gilt. Der Experte hatte das allerneueste Gerät zur Radioaktivitäts-Messung dabei.

Zunächst schien es, als ob die Bombengläubigen Recht behalten sollten. Das Gerät spielte an einer Stelle im „Dreieck“ verrückt. Doch bei einer Nachmessung später am Tag, verfiel es wieder in die gleiche Starre, die es an allen anderen Stellen gezeigt hatte. Es gebe von der Oberfläche keine Gefährdung für die übenden Soldaten, beruhigte der Professor den Hauptmann. Aber, schränkt er heute ein: Bei minus 6,5 Grad und Schnee sei das noch nicht aussagekräftig.
Trotzdem lauert die Gefahr womöglich erst einmal bei denen, die sie zu suchen vorgeben. Karlschs Verlag DVA nämlich legt Keyser in einer Pressemitteilung die Worte in den Mund: „Unsere Analysen geben starke Hinweise darauf, dass dort tatsächlich eine Atomexplosion stattfand.“ Das ist „definitiv falsch“, sagt der Kernphysiker auf Anfrage unserer Zeitung. Diese Aussage könne er gar nicht gemacht haben, weil eine umfassende Untersuchung der Bodenproben, die im Februar genommen wurden, rund ein Jahr dauere. Bislang gebe es für die 100 000 Euro teure Prüfung noch nicht einmal einen Geldgeber. Auf das Buch Karlschs, der doch über angebliche Augenzeugen hinaus auch handfeste Beweise für den Test liefern wollte, wirft das kein gutes Licht.

Kaum etwas ist noch vorhanden von damals

Dass sich das Interesse auf die Gegend um Ohrdruf und Arnstadt konzentriert, verwundert indes nicht. Neben Rüstungsbetrieben lässt vor allem das Jonastal mit seinem Stollensystem, das von KZ-Häftlingen in den Muschelkalk getrieben werden musste, die Phantasien wuchern. Sollte hier Hitlers neues Führerhauptquartier entstehen? Oder gab es dort eine Fabrik für schweres Wasser, das für die Atombombe gebraucht wurde?

Durch einige Veröffentlichungen wabert überdies eine beunruhigende Rechtfertigungs-Absicht. Seitenweise wird aus Briefen vermeintlicher Beteiligter an Atom-Forschungen zitiert. Der Tenor: Wenn die Deutschen die Bombe hatten und sie nicht einsetzten, dann relativiert sich ihre Schuld gegenüber den Amerikanern, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abwarfen.

Der „Sieg der deutschen Wissenschaft“, wie es in diesen Veröffentlichungen genannt wird, als Mittel zur Geschichtsklitterung? Oder ist das Motiv doch nur überbordende Neugier, die sich an Geheimnis umwitterten Orten abarbeitet? Es gebe viel Raum für Spekulationen, sagt Kommandant König, weil fast gar nichts aus der Zeit vorhanden sei. Wer kein „gnadenloser Realist“ wie der Hauptmann ist, malt sich deshalb vielleicht aus, was vorhanden sein könnte. Doch mit den jüngsten Untersuchungen scheint auch die Langmut von König an eine Grenze gekommen zu sein: „Seriöser kann es nicht mehr werden. Jetzt sollte Ruhe einkehren. Ich bin schließlich Kommandant und kein Park-Rancher, der hier Führungen macht.“