Zwischen Mitternacht und Stunde Null – Die deutschen Raketenforscher – vom 03.05.2005

Quelle: Freies Wort am 03.05.2005

ZWISCHEN MITTERNACHT UND STUNDE NULL

Die unmenschlichen Bedingungen geduldet

VON MATTHIAS THÜSING NORDHAUSEN –

Am 3. Mai unterstellten sich die führenden Raketenforscher des deutschen Reiches der Befehlsgewalt der US-Armee. Für Wernher von Braun und seine Helfer, die zuletzt im KZ Mittelbau-Dora Tausende Häftlinge zum Raketenbau eingesetzt hatten, bedeutete das Ende und Anfang zugleich. Nahtlos durften sie unter der Obhut der Siegermacht in ihren Forschungen anknüpfen, wo sie Wochen zuvor aufgehört hatten. Gaston de Vits erste Begegnung mit Thüringen liegt mehr als 60 Jahre zurück. 1944 wurde der heute 77-jährige Rentner aus Flandern nach Nordhausen überstellt. In seiner Heimat hatte er sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen. De Vits Aufgabe in der Zelle bestand zumeist darin, abgeschossene alliierte Piloten oder flüchtige Juden in sichere Verstecke zu begleiten. „Das sah dann meist aus, als wäre hier ein Vater mit seinem Sohn unterwegs.“ Doch die Aktivitäten der Gruppe flogen auf. Er und sein richtiger Vater, der ebenfalls im Widerstand organisiert war, wurden ins Konzentrationslager geschickt. De Vit kam über Buchenwald nach Nordhausen, direkt hinein in das Herz und die Hoffnung der deutschen Waffenproduktion. Den Kohnstein, ein als unterirdisches Treibstofflager geplantes Stollensystem, hatte die SS ab 1943 KZ-Häftlinge unter unmenschlichsten Bedingungen zu einer Rüstungsschmiede umbauen lassen. Ab Mitte 1944 wurden hier unten im Berg die Raketen des deutschen Ingenieurs Wernher von Braun gefertigt. Der damals 16-jährige de Vit landete inmitten der hochqualifizierten Ingenieure aufgrund einer vermeintlichen Begabung: „Ein Deutscher fragte mich, ob ich neben Deutsch auch Französisch sprechen könne. Noch bevor ich antworten konnte, bedeutete mir ein französischer Häftling aus der Gruppe von Wernher von Braun, ich solle zustimmen. Also sagte ich Ja.“ Das sei zwar komplett gelogen gewesen, aber auf diese Weise habe er den Krieg überlebt. „Ich habe viel geschlafen unter den Zeichentischen, auf denen die Konstruktionspläne für die Raketen lagen. Die Franzosen hätten sich derweil die Fragen, Anweisungen und Kommentare der deutschen Seite gegenseitig übersetzt. „Ich wurde unter der Bezeichnung ‚notre petit Belgique – unser kleiner Belgier‘ durch die Monate durchgeschleppt. Es hätte auch anders kommen können“, sagt er und lächelt. Hunger und Entkräftung seien auch für ihn ständige Begleiter in dieser Zeit gewesen. Nur noch knapp über 40 Kilo habe er im Mai 1945 auf die Waage gebracht. Und doch hat er, der nicht für den Stollenvortrieb unter Tage, sondern in der Produktion eingesetzt wurde, Glück gehabt. Denn „zwischen Bau- und Funktionshäftlingen bestand in der Behandlung ein deutlicher Unterschied“, erklärt Regina Heubaum von der Gedenkstätte Mittelbau-Dora. „Funktionshäftlinge mussten angelernt werden, waren zum Teil wirkliche Spezialisten auf ihrem Gebiet.“ Auch die SS habe sehr wohl gesehen, dass diese Häftlinge nicht ohne weiteres zu ersetzen waren. „Da hat man schon geschaut, dass die länger durchhielten“, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin. „Und das konnte sich wiederum einer besseren Versorgung dieser Häftlinge niederschlagen.“ Schon Mitte der 90er Jahre hatte der heutige Gedenkstättenleiter Jens Wagner Dora als einen „KZ neuen Typs“ bezeichnet – es war gebaut und konzipiert „für die Zeit nach dem Endsieg“. Nachdem deutsche Fachkräfte im Kriegsverlauf zunehmend knapper wurden, habe der Nationalsozialismus den Vorteil von gut ausgebildeten Arbeitssklaven erkannt, so Wagners These. Der russische Elektriker wurde – obwohl ideologisch als Untermensch betrachtet – in der Rüstungsproduktion gebraucht und als solcher auch eingesetzt. Insofern habe das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager seit ihrer Einrichtung Mitte der 30er Jahre einen deutlichen Funktionswandel erfahren. 1937 in Buchenwald stand der „erzieherische“ Gedanke – der freilich schon damals oft genug in blanken Terror gegenüber Andersdenkenden mündete – noch im Vordergrund. Im Zweifel wurden Elektriker damals eben nicht als Elektriker eingesetzt, sondern als Küchenhilfen oder im Steinbruch. Das Reich verfügte damals noch über eine genügende Anzahl an Fachkräften. Den Häftlingen sollte ihr Unwert über die Zuweisung fachfremder Arbeit exemplarisch vor Augen geführt werden. Im späten Kriegsjahr 1944 war der Erziehungsgedanke schon lange in den Hintergrund getreten. Die SS verdiente gut an den Häftlingen, indem sie sie an deutsche Firmen wie Junkers oder die Mittelwerk GmbH vermietete. Die Rüstungsproduktion konnte auf diese Weise zu vergleichsweise geringen Kosten aufrecht erhalten werden. Von Braun kannte die Zustände unter denen seine A 4 („Aggregat 4“) produziert wurde. „Er musste doch durch den Stollen hindurch zu seinem Arbeitsplatz. Er hat damals auch die Bauhäftlinge und ihr Elend gesehen“, sagt de Vit. Einmal habe er selbst sogar den Techniker gesehen. „Hier“ – er streckt den Arm aus. „So weit war er von mir entfernt.“ Allerdings habe er erst nach dem Krieg das Gesicht dem Namen zuordnen können, in einem Zeitungsartikel über den inzwischen in der Nasa erfolgreichen Raketenbauer Wernher von Braun. Im Krieg war von Braun regelmäßiger Gast in dem Stollensystem von Dora und koordinierte in der Mittelwerk GmbH die angelaufene Serienproduktion der so genannten V2. Von Braun unternahm keine Versuche offiziell gegen die Behandlung der Häftlinge vorzugehen. Er nahm die unmenschlichen Bedingungen offenbar in Kauf, um seine Forschungen weiterführen zu können. Über seinen Gleichmut gegenüber dem barbarischen KZ-System ist in der Forschung viel und kontrovers gestritten worden. Der Spross einer großbürgerlich-adligen Familie aus Westpreußen war von Kindesbeinen an fast schon besessen vom Weltraum und dessen möglicher Eroberung. Und so ließ er sich seine Forschungen bereitwillig vom Militär finanzieren, das freilich seit Beginn des schon in den zwanziger Jahren angelaufenen Raketenprogramms ganz andere Interessen verfolgte. Von Brauns milliardenschwere Forschungen forderten Kompromisse, die er bis zu einem gewissen Grade einzugehen bereit war. 1937 trat er der NSDAP, 1940 der SS bei. Ein Angebot des Reichsführers SS von 1943, sich selbst und seine Ingenieurskunst der SS zu unterstellen, lehnte von Braun ab. 1944 eskalierte der Konflikt. Er und mehrere seiner Mitarbeiter wurden von der Gestapo verhaftet. Der Vorwurf: Seine Träumereien von Flügen ins All sabotierten die deutsche Waffenentwicklung. Erst nach Fürsprache von Heeres-Generalleutnant Walter Dornberger wurden die Ingenieure entlassen. An einen Widerstand gegen die Haftbedingungen in Dora war spätestens seit diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken. Allerdings ließ von Braun gleiches in den Jahren zuvor auch nicht erkennen. In seinem eigenen Zuständigkeitsbereich hat sich der später gefeierte Ingenieur immerhin anständig benommen. „In unserer Arbeitsgruppe herrschte ein kollegiales Klima zwischen französischen und deutschen Ingenieuren“, erinnert sich de Vit. Es wurde nicht gebrüllt, und nicht geschlagen. Die französischen Häftlinge mussten für die Gruppe um Wernher von Braun „Raketenflugbahnen oder den Vortrieb der Düsentriebwerke berechnen.“ Worum es genau ging, hat de Vit als technischer Laie nie in Erfahrung gebracht. Soviel hat er mitbekommen: „Es hat sich um die A 10 gehandelt“, jene Interkontinentalrakete, die zum Ende des zweiten Weltkriegs New York angreifen sollte, aber nicht mehr fertiggestellt werden konnte. Einmal sei ein Franzose von einem Mithäftling mal gefragt worden, warum er den Deutschen überhaupt helfe, die Raketen zu entwickeln, sagt Gaston de Vit. „Der hat ihm geantwortet: Bevor die A 10 wirklich fliege, würden mindestens zehn Jahre vergehen. Bis dahin sei er entweder tot oder der Krieg längst beendet.“ Trotzdem – wohl ist Gaston de Vit nicht, wenn er heute an den deutschen Raketentechniker denkt. Auch in Deutschland sind Straßen nach Wernher von Braun benannt. Es wird vergessen, unter welchen Umständen er sich seinen Ruf als „Kolumbus der Raumfahrt“ erwerben konnte. Niemals haben ihn die USA nach 1945 je zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil: An führender Stelle beschäftigten sie ihn in ihrer eigenen Waffen- und Weltraumforschung weiter. All das nagt an dem rüstigen Rentner de Vit: „In Huntsville/Alabama haben sie von Braun ein Denkmal gesetzt. Einem Kriegsverbrecher.“